Was ist Chancenmanagement?
In vielen Projekten wird Risikomanagement mit dem Abwehren von Gefahren gleichgesetzt. ISO 31000 verfolgt einen breiteren Ansatz: Risiko ist die Auswirkung von Unsicherheit auf Ziele, und eine Auswirkung ist eine Abweichung vom Erwarteten, die positiv, negativ oder beides sein kann und Chancen wie Bedrohungen schaffen kann [1]. Chancenmanagement ist deshalb kein eigenes Verfahren, sondern der Teil des Risikomanagements, der sich mit positiven Abweichungen beschäftigt. Die Norm nennt bei den Behandlungsoptionen ausdrücklich die Möglichkeit, ein Risiko einzugehen oder zu erhöhen, um eine Chance zu nutzen.
Typische Chancen in Projekten sind etwa ein Teammitglied mit besonderer Erfahrung, das früher verfügbar wird, eine Standardlösung, die eine Eigenentwicklung ersetzt, ein Lieferant mit kürzerer Lieferzeit, eine Förderung oder ein Zuschuss, Synergien mit einem anderen Projekt oder ein Kunde, der früher als geplant Feedback geben kann. Jede dieser Chancen kann Termine verkürzen, Kosten senken oder den Nutzen erhöhen, wenn sie rechtzeitig erkannt und gezielt genutzt wird.
Warum werden Chancen oft übersehen?
Chancen werden aus mehreren Gründen übersehen. Erstens ist die Sprache negativ geprägt: Wer zu einem Risikoworkshop einlädt, erhält Bedrohungen. Zweitens sind Projektleitende darauf trainiert, Abweichungen vom Plan zu verhindern, nicht sie zu nutzen. Drittens fehlt oft ein Ort, an dem Chancen festgehalten werden; das Register hat nur Spalten für Schäden. ISO 31000 nennt bei der Identifikation ausdrücklich Bedrohungen und Chancen als zu berücksichtigende Faktoren [1]. Wer das ernst nimmt, fragt in jedem Workshop gezielt nach Chancen und führt sie im selben Register wie Bedrohungen.
Wie werden Chancen identifiziert?
- Ausdrücklich fragen: Was könnte besser laufen als geplant, und was müssten wir dafür tun?
- Annahmen umkehren: Wo sind unsere Schätzungen pessimistisch, wo gibt es Spielraum?
- Umfeld beobachten: neue Technologien, Förderprogramme, Marktveränderungen, Partner.
- Interne Synergien prüfen: andere Projekte mit ähnlichen Bedürfnissen, gemeinsame Beschaffungen.
- SWOT-Analyse: Stärken und Chancen gezielt verbinden.
- Lessons Learned: Was hat in früheren Projekten unerwartet gut funktioniert?
Ein bewährtes Vorgehen ist, im Risikoworkshop zwei getrennte Runden durchzuführen: zuerst Bedrohungen, dann Chancen. Die zweite Runde verlangt einen bewussten Perspektivenwechsel, der nicht von selbst entsteht. Eine Vorlage für die Verbindung von Stärken und Chancen bietet flenio.ch unter SWOT-Analyse; das Glossar erklärt die Methode unter SWOT-Analyse.
Wie werden Chancen bewertet?
Chancen werden wie Bedrohungen mit Wahrscheinlichkeit und Auswirkung bewertet, nur dass die Auswirkung positiv ist, etwa eine Einsparung oder ein früherer Termin. Der Erwartungswert ergibt sich ebenfalls aus Wahrscheinlichkeit mal Auswirkung. Eine Chance mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,3 und einer möglichen Einsparung von 20 000 CHF hat einen Erwartungswert von 6 000 CHF. In einer Risikomatrix lassen sich Chancen auf einer gespiegelten Seite darstellen, sodass Bedrohungen und Chancen auf einen Blick sichtbar sind.
| Chance | Wahrscheinlichkeit | Auswirkung | Erwartungswert |
|---|---|---|---|
| C1 Standardmodul statt Eigenentwicklung für das Kundenportal | 0,5 | Einsparung 18 000 CHF | 9 000 CHF |
| C2 Kunde liefert Inhalte zwei Wochen früher | 0,3 | Einsparung 6 000 CHF (weniger Leerlauf) | 1 800 CHF |
| C3 Wiederverwendung von Komponenten aus einem anderen Projekt | 0,4 | Einsparung 10 000 CHF | 4 000 CHF |
| Summe | 14 800 CHF |
Die Summe der Erwartungswerte der Chancen kann den Bedrohungen gegenübergestellt werden. Hat ein Projekt Bedrohungen mit einem Erwartungswert von 34 200 CHF und Chancen von 14 800 CHF, beträgt der Saldo 19 400 CHF. Manche Organisationen planen die Reserve auf Basis dieses Saldos; vorsichtiger ist es, Chancen nicht zur Reduktion der Reserve zu nutzen, sondern als zusätzlichen Spielraum zu betrachten, bis sie tatsächlich eingetreten sind. Wie Erwartungswerte für Bedrohungen berechnet werden, beschreibt der Beitrag Risikobewertung.
Welche Strategien gibt es für Chancen?
| Strategie | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| Nutzen | sicherstellen, dass die Chance eintritt | Standardmodul verbindlich prüfen und bei Eignung beschaffen |
| Verbessern | Wahrscheinlichkeit oder Auswirkung erhöhen | Kunden früh zur Lieferung der Inhalte motivieren, etwa mit einem klaren Zeitplan |
| Teilen | Chance mit einem Partner gemeinsam nutzen | gemeinsame Entwicklung einer Komponente mit einem anderen Projekt |
| Akzeptieren | Chance nutzen, falls sie eintritt, ohne aktiv zu handeln | frühere Lieferung annehmen, wenn sie kommt |
| Eskalieren | Chance liegt ausserhalb der Befugnis des Projekts | organisationsweite Lizenz an die Geschäftsleitung herantragen |
Diese Strategien entsprechen der Praxis des Project Management Institute, die für Chancen spiegelbildlich zu den Bedrohungen eskalieren, nutzen, teilen, verbessern und akzeptieren unterscheidet [2]. ISO 31000 fasst den Gedanken in der Option zusammen, ein Risiko bewusst einzugehen oder zu erhöhen, um eine Chance zu verfolgen, und betont, dass bei der Auswahl Nutzen gegen Kosten und Nachteile abzuwägen sind [1].
Beispiel: Eine Chance gezielt nutzen
Eine Agentur plant für einen Kunden ein Portal mit Eigenentwicklung der Benutzerverwaltung, geschätzt auf 25 Personentage. Im Chancenworkshop weist ein Entwickler darauf hin, dass ein etabliertes Standardmodul die Anforderungen weitgehend abdecken könnte. Die Chance wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,5 und einer Einsparung von 18 000 CHF bewertet. Als Strategie wird «nutzen» gewählt: Ein Entwickler prüft das Modul in zwei Tagen gegen die Anforderungen, die Projektleitung klärt Lizenzbedingungen und Datenschutz. Die Prüfung ergibt, dass das Modul passt; die Agentur spart 15 Personentage und kann den Termin um eine Woche vorziehen.
Das Beispiel zeigt, dass Chancen aktive Massnahmen brauchen. Ohne die gezielte Prüfung wäre die Eigenentwicklung wie geplant erfolgt, und die Einsparung wäre nie realisiert worden. Wie solche Entscheidungen in die Planung einfliessen, beschreibt der Beitrag Risikostrategien.
Chancen in agilen Projekten
Agile Vorgehen sind von ihrer Grundidee her auf Chancen ausgerichtet: Kurze Zyklen und regelmässiges Feedback ermöglichen, neue Erkenntnisse schnell zu nutzen, etwa eine einfachere Lösung oder eine Funktion mit höherem Nutzen als erwartet. Im Sprint Review und bei der Priorisierung des Backlogs werden Chancen laufend bewertet. Trotzdem lohnt sich ein ausdrücklicher Blick auf Chancen, die über das einzelne Produkt hinausgehen, etwa Synergien mit anderen Teams oder organisationsweite Lösungen. Mehr zur Priorisierung im Beitrag Backlog priorisieren.
Typische Fehler im Chancenmanagement
| Fehler | Folge | Gegenmittel |
|---|---|---|
| Nur Bedrohungen im Register | Chancen bleiben ungenutzt | eigene Runde für Chancen im Workshop |
| Chancen ohne Massnahmen | Chance verstreicht | Strategie und Verantwortliche festlegen |
| Reserve um Chancen gekürzt | Reserve fehlt, wenn Chance ausbleibt | Chancen als zusätzlichen Spielraum betrachten |
| Chancen nicht eskaliert | organisationsweite Vorteile ungenutzt | Chancen ausserhalb der Befugnis weitergeben |
| Neue Risiken der Chance übersehen | Überraschungen bei der Umsetzung | Folgerisiken prüfen, etwa Lizenz- und Abhängigkeitsrisiken |
Wie fördert man eine chancenorientierte Haltung?
Chancenmanagement gelingt nur, wenn das Team ermutigt wird, Verbesserungsideen auch während des Projekts einzubringen. Hilfreich ist, in jeder Projektsitzung eine kurze Frage nach Chancen zu stellen, gute Hinweise sichtbar anzuerkennen und Einsparungen nicht automatisch für andere Zwecke abzuziehen, sondern teilweise dem Projekt zur Verfügung zu lassen, etwa für Qualitätsverbesserungen. Wer erlebt, dass Ideen aufgenommen und umgesetzt werden, bringt weitere ein. Umgekehrt verstummen Teams schnell, wenn Vorschläge mit dem Hinweis auf den Plan abgewiesen werden. Auftraggeber können diese Haltung unterstützen, indem sie bei Statusberichten ausdrücklich nach genutzten und verpassten Chancen fragen.
Ein einfacher erster Schritt ist, im bestehenden Risikoregister eine Spalte für die Art des Eintrags zu ergänzen, Bedrohung oder Chance, und in der nächsten Projektsitzung zehn Minuten ausschliesslich für Chancen zu reservieren. Erfahrungsgemäss entstehen schon in dieser kurzen Runde mehrere Ideen, die sonst unausgesprochen geblieben wären, etwa zur Wiederverwendung vorhandener Lösungen oder zur besseren Nutzung von Partnern.
Wichtig ist, genutzte Chancen ebenso sichtbar zu machen wie abgewendete Risiken, etwa im Statusbericht oder im Projektabschluss. So erkennt die Organisation den Wert eines ausgewogenen Risikomanagements, das nicht nur Schäden verhindert, sondern auch Möglichkeiten erschliesst.
Chancen und Bedrohungen im selben Register zu führen, mit denselben Skalen und denselben Überprüfungsterminen, ist dafür die einfachste und wirksamste organisatorische Massnahme, die sich ohne zusätzliche Werkzeuge sofort umsetzen lässt. So werden Chancen zur selbstverständlichen Routine statt zur Ausnahme.
Gerade kleine Teams profitieren davon, weil wenige gute Ideen bereits spürbare Wirkung auf Termine und Kosten haben.
Chancen in Normen und Praxis
ISO 31000 und die Praxis des PMI behandeln Chancen als festen Bestandteil des Risikomanagements. Auch ISO 21502 sieht vor, dass im Projekt Risiken einschliesslich Chancen laufend gesteuert werden [3]. Für die Praxis genügt meist eine kleine Ergänzung: eine Spalte für die Art des Risikos im Register, eine eigene Runde im Workshop und Strategien für Chancen. Den Gesamtzusammenhang zeigt der Leitfaden Risikomanagement im Projekt; die Grundlagen der Norm beschreibt der Beitrag ISO 31000 im Projekt.