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Kapitel im Leitfaden Risikomanagement im Projekt

Risikostrategien: vermeiden, vermindern, übertragen, akzeptieren mit Beispielen

Von Leutrim MiftarajPMP · MSc Business AdministrationStand: 31. Oktober 20266 Minuten Lesezeit

Kurz erklärt

Für den Umgang mit Risiken gibt es vier Grundstrategien: vermeiden, vermindern, übertragen und akzeptieren. ISO 31000 differenziert sieben Optionen: vermeiden, eingehen oder erhöhen zur Nutzung einer Chance, Risikoquelle beseitigen, Wahrscheinlichkeit ändern, Konsequenzen ändern, teilen und bewusst tragen. Die Wahl hängt vom Risikoniveau, den Kosten der Massnahme und den Zielen ab.

Das Wichtigste in Kürze

  • ISO 31000 nennt sieben Behandlungsoptionen, die sich nicht gegenseitig ausschliessen [1].
  • Die Auswahl wägt den Nutzen für die Ziele gegen Kosten, Aufwand und Nachteile ab.
  • Jede Massnahme braucht einen Verantwortlichen, einen Termin und eine Erfolgskontrolle.
  • Das Restrisiko nach der Behandlung wird dokumentiert und überwacht.

Welche Strategien gibt es für Projektrisiken?

Nachdem Risiken identifiziert und bewertet sind, folgt die Entscheidung, wie mit ihnen umgegangen wird. ISO 31000 beschreibt den Zweck der Risikobehandlung darin, Optionen zur Behandlung auszuwählen und umzusetzen; der Vorgang ist iterativ: Optionen formulieren und auswählen, Behandlung planen und umsetzen, Wirksamkeit beurteilen, entscheiden, ob das verbleibende Risiko akzeptabel ist, und bei Bedarf weiter behandeln [1].

Die sieben Behandlungsoptionen nach ISO 31000
OptionBedeutungProjektbeispiel
VermeidenTätigkeit, die das Risiko verursacht, nicht beginnen oder nicht fortsetzenauf die Entwicklung einer Eigenlösung verzichten und Standardsoftware wählen
Eingehen oder erhöhenRisiko bewusst eingehen, um eine Chance zu nutzenfrüherer Livegang mit Teilumfang für eine Marktchance
Risikoquelle beseitigenUrsache entfernenWissen einer Schlüsselperson dokumentieren und auf zwei Personen verteilen
Wahrscheinlichkeit ändernEintritt unwahrscheinlicher machenPrototyp der kritischen Schnittstelle vor Umsetzungsbeginn
Konsequenzen ändernAuswirkung bei Eintritt verringernRückfallebene und Notfallplan für den Livegang
TeilenRisiko mit anderen teilen, etwa durch Verträge oder VersicherungenVertragsstrafe bei Verzug, Festpreis mit Lieferant
TragenRisiko durch informierte Entscheidung akzeptierengeringes Risiko beobachten, Reserve einplanen

Die Norm hält fest, dass die Optionen sich nicht gegenseitig ausschliessen und nicht in allen Situationen passen; oft werden mehrere kombiniert [1]. Im Alltag werden sie häufig zu vier Grundstrategien zusammengefasst: vermeiden, vermindern (Quelle beseitigen, Wahrscheinlichkeit oder Konsequenzen ändern), übertragen (teilen) und akzeptieren (tragen). Die Option, ein Risiko bewusst einzugehen oder zu erhöhen, um eine Chance zu nutzen, betont den neutralen Risikobegriff der Norm.

Welche Strategien unterscheidet das PMI?

In der Projektmanagementpraxis des Project Management Institute werden für Bedrohungen üblicherweise fünf Strategien unterschieden: eskalieren, wenn das Risiko ausserhalb der Befugnis des Projekts liegt; vermeiden; übertragen; mindern; und akzeptieren, aktiv mit Reserve oder passiv ohne weitere Massnahmen. Für Chancen gelten spiegelbildlich eskalieren, nutzen, teilen, verbessern und akzeptieren [2]. Die Eskalation ist ein wichtiger Zusatz zur Norm: Risiken, die das Projekt nicht selbst steuern kann, etwa eine Reorganisation oder ein Strategiewechsel, gehören an den Auftraggeber oder Lenkungsausschuss.

Wie wählt man die richtige Strategie?

ISO 31000 verlangt, bei der Auswahl den möglichen Nutzen für die Zielerreichung gegen Kosten, Aufwand oder Nachteile der Umsetzung abzuwägen; die Begründung ist dabei breiter als rein wirtschaftliche Überlegungen und berücksichtigt Verpflichtungen, freiwillige Zusagen und die Sicht der Stakeholder [1]. Für Projekte hat sich eine einfache Entscheidungshilfe bewährt, die das Risikoniveau mit dem Einfluss des Projekts kombiniert.

Entscheidungshilfe für Risikostrategien
SituationNaheliegende Strategie
hohes Risiko, Ursache vom Projekt beeinflussbar, Massnahme günstiger als Erwartungswertvermindern
hohes Risiko, Tätigkeit verzichtbar oder ersetzbarvermeiden
hohes Risiko, Partner kann es besser tragen oder steuernübertragen oder teilen
Risiko ausserhalb der Befugnis des Projektseskalieren
geringes Risiko oder Massnahme teurer als Erwartungswertakzeptieren mit Beobachtung oder Reserve
Risiko eröffnet eine wertvolle Chancebewusst eingehen, mit Rückfallebene

Rechenbeispiel: Lohnt sich die Massnahme?

Ein Risiko hat eine Wahrscheinlichkeit von 0,4 und eine Auswirkung von 25 000 CHF, also einen Erwartungswert von 10 000 CHF. Eine Massnahme, ein früher Prototyp der Schnittstelle, kostet 4 000 CHF und senkt die Wahrscheinlichkeit auf 0,1. Der neue Erwartungswert beträgt 2 500 CHF. Die Massnahme reduziert den Erwartungswert um 7 500 CHF und kostet 4 000 CHF; der erwartete Nettonutzen liegt bei 3 500 CHF. Die Massnahme lohnt sich also. Würde sie 9 000 CHF kosten, wäre sie wirtschaftlich nicht gerechtfertigt, es sei denn, die Auswirkung wäre für das Projekt existenzbedrohend.

Massnahmen im Vergleich
VarianteKosten der MassnahmeWahrscheinlichkeit danachErwartungswert danachGesamt
keine Massnahme0 CHF0,410 000 CHF10 000 CHF
Prototyp4 000 CHF0,12 500 CHF6 500 CHF
Prototyp und Vertragsstrafe4 500 CHF0,1, Auswirkung 15 000 CHF1 500 CHF6 000 CHF

Die dritte Variante kombiniert zwei Optionen: Der Prototyp senkt die Wahrscheinlichkeit, die Vertragsstrafe teilt einen Teil der Auswirkung mit dem Lieferanten. Das zeigt den Hinweis der Norm, dass Optionen kombiniert werden können. Wie Erwartungswerte berechnet werden, beschreibt der Beitrag Risikobewertung.

Was gehört in einen Massnahmenplan?

ISO 31000 nennt die Inhalte eines Behandlungsplans: die Begründung für die gewählten Optionen einschliesslich des erwarteten Nutzens, die für Genehmigung und Umsetzung Verantwortlichen, die vorgesehenen Massnahmen, die benötigten Ressourcen einschliesslich Reserven, Leistungskennzahlen, Einschränkungen, Berichterstattung und Überwachung sowie die Termine für Beginn und Abschluss [1]. Für Projekte genügt meist eine Zeile pro Massnahme im Risikoregister: Massnahme, Verantwortliche, Termin, Kosten, Status und erwartete Wirkung.

Wichtig ist, dass Massnahmen in die normale Projektplanung einfliessen. Ein Prototyp zur Risikominderung ist ein Arbeitspaket mit Aufwand und Termin; eine Vertragsstrafe gehört in den Vertrag; eine Reserve gehört ins Budget. Massnahmen, die nur im Risikoregister stehen, werden erfahrungsgemäss nicht umgesetzt. In Flenio lassen sich Massnahmen als Aufgaben mit Verantwortlichen, Fälligkeit und Zeiterfassung planen.

Was passiert mit dem Restrisiko?

Nach der Behandlung bleibt meist ein Restrisiko. ISO 31000 verlangt, dass Entscheidungsträger und andere Stakeholder Art und Ausmass des verbleibenden Risikos kennen; es wird dokumentiert, überwacht und bei Bedarf weiter behandelt. Gibt es keine Behandlungsoptionen oder verändern sie das Risiko nicht ausreichend, wird das Risiko erfasst und laufend überprüft. Zudem kann die Behandlung selbst neue Risiken erzeugen, die ebenfalls gesteuert werden müssen [1]. Ein Beispiel: Die Übertragung eines Risikos an einen Lieferanten erzeugt ein neues Risiko, nämlich die Abhängigkeit von dessen Zahlungsfähigkeit.

Wie helfen Frühwarnindikatoren?

Für wichtige Risiken lohnt es sich, Frühwarnindikatoren festzulegen: beobachtbare Signale, die zeigen, dass ein Risiko wahrscheinlicher wird. Beispiele sind verspätete Zwischenlieferungen eines Lieferanten, steigende Fehlerzahlen in Tests, sinkende Teilnahme an Workshops oder ein wachsender Backlog an offenen Fragen. Wird ein Indikator ausgelöst, wird eine vorbereitete Massnahme aktiviert, etwa ein Eskalationsgespräch oder die Aktivierung einer Rückfallebene. So wird aus dem Risikoregister ein Steuerungsinstrument statt einer Liste. Das Glossar erklärt die Eskalation unter Eskalation.

Typische Fehler bei Risikostrategien

Fehler und Gegenmittel
FehlerFolgeGegenmittel
Massnahmen ohne Verantwortlichenichts geschiehtEigner und Termin für jede Massnahme
Massnahme teurer als RisikoRessourcen verschwendetKosten gegen Erwartungswert abwägen
Akzeptieren ohne EntscheidRisiko unbemerkt getragenAkzeptanz bewusst entscheiden und dokumentieren
Übertragen ohne Prüfungneue AbhängigkeitenFolgerisiken der Übertragung prüfen
Keine WirksamkeitskontrolleMassnahmen wirken nichtWirkung bei jeder Überprüfung beurteilen

Beispiel: Strategien für fünf Risiken einer Softwareeinführung

Eine Kanzlei führt eine neue Mandatsverwaltung ein und hat fünf wichtige Risiken bewertet. Für den Ausfall der Person, die das Altsystem kennt, wird die Risikoquelle beseitigt: Ihr Wissen wird in zwei Workshops dokumentiert und auf eine zweite Person übertragen. Für unvollständige Altdaten wird die Wahrscheinlichkeit gesenkt, indem eine Probemigration mit einem Teil der Daten früh durchgeführt wird. Für die mögliche Verzögerung durch den Anbieter wird das Risiko geteilt: Der Vertrag enthält Meilensteine mit Zahlungen erst nach Abnahme. Für den geringen Schulungsaufwand der Anwältinnen während laufender Verfahren werden die Konsequenzen verringert, indem kurze, aufgezeichnete Schulungseinheiten bereitgestellt werden. Das Risiko einer leicht höheren Lizenzgebühr im zweiten Jahr wird bewusst getragen und im Budget berücksichtigt.

Das Beispiel zeigt, dass in einem Projekt meist alle Strategien nebeneinander vorkommen. Die Wahl richtet sich nach dem einzelnen Risiko, nicht nach einer allgemeinen Haltung. Wichtig ist, dass jede Entscheidung begründet und dokumentiert wird, damit später nachvollziehbar bleibt, warum ein Risiko akzeptiert oder übertragen wurde. Eine Vorlage für die Dokumentation bietet flenio.ch unter Risikoregister.

Ergänzend lohnt sich, die gewählten Strategien bei jeder Überprüfung des Registers kurz zu hinterfragen: Wirkt die Massnahme, hat sich das Risiko verändert, braucht es eine andere Strategie? So bleibt die Behandlung so dynamisch wie die Risiken selbst.

Erledigte Risiken werden dabei nicht gelöscht, sondern mit Begründung geschlossen, damit sie als Erfahrung für künftige Projekte erhalten bleiben.

Ein Blick auf diese geschlossenen Risiken lohnt sich besonders beim Start ähnlicher Vorhaben. Sie zeigen, welche Massnahmen tatsächlich gewirkt haben.

Risikostrategien in Normen und Praxis

ISO 31000 und die Strategien des PMI ergänzen sich: Die Norm bietet differenzierte Optionen und betont Abwägung, Restrisiko und Folgerisiken, die PMI-Praxis ergänzt die Eskalation und eine spiegelbildliche Behandlung von Chancen. Auch ISO 21502 sieht vor, dass Risiken im Projekt laufend gesteuert und an die Projektsteuerung berichtet werden [3]. Wie Chancen genutzt werden, beschreibt der Beitrag Chancenmanagement. Den Gesamtzusammenhang zeigt der Leitfaden Risikomanagement im Projekt; wie Risiken im Projektstatus berichtet werden, der Beitrag Projektstatus objektiv bewerten.

Häufige Fragen

Welche Risikostrategien gibt es?

Die vier Grundstrategien sind vermeiden, vermindern, übertragen und akzeptieren. ISO 31000 nennt sieben Optionen: vermeiden, ein Risiko bewusst eingehen oder erhöhen, um eine Chance zu nutzen, die Risikoquelle beseitigen, die Wahrscheinlichkeit ändern, die Konsequenzen ändern, das Risiko teilen und es bewusst tragen.

Wann sollte man ein Risiko akzeptieren?

Ein Risiko wird akzeptiert, wenn sein Niveau gering ist oder Massnahmen mehr kosten würden als der erwartete Schaden. Die Akzeptanz wird bewusst entschieden und dokumentiert, das Risiko wird beobachtet, und bei aktiver Akzeptanz wird eine Reserve eingeplant.

Was ist ein Restrisiko?

Das Restrisiko ist das Risiko, das nach der Umsetzung von Massnahmen verbleibt. Nach ISO 31000 wird es dokumentiert, Entscheidungsträgern bekannt gemacht, überwacht und bei Bedarf weiter behandelt. Zudem ist zu prüfen, ob die Massnahmen selbst neue Risiken erzeugen.

Wann lohnt sich eine Risikomassnahme?

Eine Massnahme lohnt sich wirtschaftlich, wenn sie den Erwartungswert des Risikos stärker senkt, als sie kostet. Senkt ein Prototyp für 4 000 Franken den Erwartungswert von 10 000 auf 2 500 Franken, beträgt der erwartete Nettonutzen 3 500 Franken. Existenzbedrohende Risiken rechtfertigen auch teurere Massnahmen.

Quellen

  1. [1]ISO 31000:2018 Risk management — Guidelines — International Organization for Standardization (ISO). Abgerufen am 1. November 2026 · Primärquelle
  2. [2]A Guide to the Project Management Body of Knowledge (PMBOK Guide) – Eighth Edition — Project Management Institute (PMI). Abgerufen am 1. November 2026 · Primärquelle
  3. [3]ISO 21502:2020 Project, programme and portfolio management — Guidance on project management — International Organization for Standardization (ISO). Abgerufen am 1. November 2026 · Primärquelle

Änderungen an diesem Artikel

  • 31. Oktober 2026: Erstveröffentlichung. Grundlagen nach ISO 31000:2018, IEC 31010:2019, ISO 21502:2020 und PMBOK Guide.

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