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Kapitel im Leitfaden Agiles Projektmanagement

Scrum in Agenturen und Kundenprojekten: Rollen, Verträge und Abrechnung

Von Leutrim MiftarajPSM II · PMPStand: 31. Oktober 20266 Minuten Lesezeit

Kurz erklärt

Scrum funktioniert in Agenturen und Kundenprojekten, wenn drei Fragen geklärt sind: Wer übernimmt beim Kunden die Verantwortung des Product Owners, welches Vertragsmodell trägt einen variablen Umfang, und wie werden Budget und Fortschritt transparent gemacht? Bewährt sind Verträge nach Aufwand mit Kostendach, Festpreise pro Sprint und ein Product Owner beim Kunden mit echter Entscheidungsbefugnis.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Product Owner ist eine Person mit Entscheidungsbefugnis, kein Gremium; in Kundenprojekten sitzt er idealerweise beim Kunden [1].
  • Das Agile Manifest gewichtet Zusammenarbeit mit dem Kunden höher als Vertragsverhandlung [2].
  • Agile Verträge fixieren Budget und Zeit, nicht den detaillierten Umfang.
  • Agenturen mit vielen kleinen Aufträgen arbeiten oft besser mit Kanban als mit Scrum.

Was ist an Scrum in Agenturen besonders?

Agenturen und Dienstleister arbeiten nicht für ein eigenes Produkt, sondern für Kunden, die Budgets, Termine und vertraglich zugesicherte Leistungen erwarten. Gleichzeitig profitieren gerade Kundenprojekte von agiler Arbeit: Anforderungen an Websites, Apps oder Kampagnen sind zu Beginn selten vollständig klar, und frühes Feedback verhindert teure Fehlentwicklungen. Scrum lässt sich deshalb auch in Agenturen einsetzen, braucht aber Antworten auf Fragen, die in einem internen Produktteam nicht entstehen.

Die wichtigsten Unterschiede betreffen die Rolle des Kunden, das Vertragsmodell, die Abrechnung und die Auslastung der Teams über mehrere Kunden. Wer diese Fragen vor Projektbeginn klärt, kann die Stärken von Scrum nutzen. Wer sie offen lässt, erlebt Konflikte über Umfang und Budget, die durch das agile Vorgehen eher verschärft als gelöst werden.

Wer ist in einem Kundenprojekt der Product Owner?

Der Scrum Guide beschreibt den Product Owner als eine Person, die für die Maximierung des Produktwerts verantwortlich ist und deren Entscheidungen von der gesamten Organisation respektiert werden müssen [1]. In Kundenprojekten liegt diese Verantwortung fachlich beim Kunden, denn nur er kann entscheiden, was für sein Geschäft am wertvollsten ist. Es gibt drei verbreitete Modelle, die je eigene Stärken und Risiken haben.

Modelle für den Product Owner in Kundenprojekten
ModellBeschreibungStärkeRisiko
Product Owner beim Kundeneine Person des Kunden ordnet den Backlog und nimmt Ergebnisse abdirekte Entscheidungen, hohe IdentifikationPerson hat zu wenig Zeit oder Erfahrung
Product Owner bei der Agenturdie Agentur stellt den Product Owner, der eng mit dem Kunden abstimmtMethodenkompetenz, VerfügbarkeitEntscheidungen ohne echte Befugnis des Kunden
Tandemfachlicher Product Owner beim Kunden, unterstützt durch eine Person der AgenturVerbindung von Fachwissen und Methodeunklare Verantwortung, wenn nicht sauber abgegrenzt

In der Praxis hat sich das Tandem bewährt, solange klar ist, dass die Entscheidungsbefugnis beim Kunden liegt. Die Person der Agentur unterstützt beim Formulieren von Einträgen, bei der Priorisierung und bei der Vorbereitung der Reviews, entscheidet aber nicht über den Backlog. Wichtig ist, dass die Person beim Kunden ausreichend Zeit hat, typischerweise mehrere Stunden pro Woche. Fehlt diese Zeit, ist das ein erhebliches Projektrisiko, das schon im Angebot angesprochen werden sollte.

Welche Vertragsmodelle passen zu Scrum?

Klassische Festpreisverträge mit vollständig beschriebenem Umfang passen schlecht zu agiler Arbeit, weil sie Änderungen zum Konflikt machen. Das Agile Manifest stellt die Zusammenarbeit mit dem Kunden über die Vertragsverhandlung [2]; in der Praxis braucht es trotzdem Verträge, die Sicherheit für beide Seiten schaffen. Bewährt haben sich Modelle, die Budget und Zeit festlegen und den Umfang über Priorisierung steuern.

Vertragsmodelle für agile Kundenprojekte
ModellFunktionsweiseGeeignet für
Aufwand mit KostendachAbrechnung nach Aufwand, Gesamtkosten nach oben begrenztProjekte mit unsicherem Umfang und vertrauensvoller Beziehung
Festpreis pro Sprintfester Preis für ein Team über einen Sprint, Umfang je Sprint priorisiertlaufende Weiterentwicklung, planbare Budgets
Festpreis pro Release mit TauschrechtGrobumfang fixiert, Einträge gleicher Grösse dürfen getauscht werdenKunden, die einen Gesamtpreis brauchen
Rahmenvertrag mit AbrufenKonditionen fixiert, Kapazität wird abgerufenlangfristige Zusammenarbeit
Phasenweise BeauftragungKonzept- oder Discovery-Phase zuerst, danach Umsetzungneue Kunden, sehr unklare Anforderungen

Ein häufiger Kompromiss ist der Festpreis pro Release mit Tauschrecht: Der Kunde erhält einen Gesamtpreis, und neue Wünsche können aufgenommen werden, wenn dafür Einträge gleicher Grösse herausfallen. Das verbindet Planungssicherheit mit Flexibilität, setzt aber eine verlässliche relative Schätzung voraus, siehe Agile Schätzverfahren. Für öffentliche Auftraggeber gelten zusätzlich die Regeln des Vergaberechts.

Wie werden Budget und Fortschritt transparent gemacht?

Variable Umfänge verlangen hohe Transparenz, damit der Kunde jederzeit weiss, was er für sein Geld erhält. Bewährt haben sich drei Elemente: ein für den Kunden einsehbarer Backlog mit Reihenfolge und Schätzungen, ein Burn-up-Chart, das erledigte Arbeit und Gesamtumfang zeigt, und ein Budgetbericht, der verbrauchtes und verbleibendes Budget sowie die Prognose bis zum Release ausweist. Im Sprint Review werden diese Informationen gemeinsam besprochen, und der Kunde entscheidet über die nächsten Prioritäten.

Für die Agentur ist die Zeiterfassung pro Projekt und Eintrag die Grundlage dieser Transparenz und zugleich der Abrechnung. Sie zeigt, wie viel Aufwand tatsächlich angefallen ist, und erlaubt nach einigen Sprints, Schätzungen und Angebote auf eigene Erfahrungswerte zu stützen. Wie der Fortschritt mit Burn-up und anderen Kennzahlen dargestellt wird, beschreibt der Beitrag Agile Metriken richtig nutzen.

Was tun, wenn ein Team für viele Kunden arbeitet?

Viele Agenturen haben nicht ein Team pro Kunde, sondern Teams, die gleichzeitig für mehrere Kunden arbeiten, oft an vielen kleinen Aufträgen. Scrum mit einem Product Goal und einem Product Owner passt hier schlecht, weil die Prioritäten verschiedener Kunden nicht in einem Backlog sinnvoll geordnet werden können. Kanban ist in dieser Situation oft die bessere Wahl: Aufträge verschiedener Kunden fliessen über ein Board, WIP-Limits verhindern Überlastung, und Serviceklassen regeln, wie dringende Anfragen behandelt werden. Wie das funktioniert, beschreibt der Beitrag Kanban einführen.

Eine Mischform ist ebenfalls verbreitet: Grosse Kundenprojekte werden in festen Teams mit Scrum umgesetzt, kleinere Aufträge und Wartung laufen über ein Kanban-System. Entscheidend ist eine Übersicht über die Auslastung aller Personen über alle Kunden, damit Zusagen an Kunden nicht an fehlender Kapazität scheitern.

Beispiel: Website-Relaunch im Sprint-Modell

Eine Agentur vereinbart mit einem Kunden einen Website-Relaunch über sechs Sprints von zwei Wochen zu einem Festpreis pro Sprint. Im ersten Sprint entstehen mit dem Kunden Zielbild, Seitenstruktur und ein priorisierter Backlog. Die Marketingleiterin des Kunden ist Product Owner und wird von einer Projektleiterin der Agentur unterstützt. Jedes Sprint Review zeigt funktionierende Seiten auf einer Testumgebung, und die Marketingleiterin entscheidet über die nächsten Prioritäten. Nach dem vierten Sprint zeigt das Burn-up, dass der Backlog um neue Wünsche gewachsen ist.

Im Review legt die Agentur zwei Optionen vor: zwei zusätzliche Sprints für die neuen Wünsche oder Livegang nach Plan mit den wichtigsten Seiten und einer zweiten Etappe. Die Marketingleiterin entscheidet sich für den Livegang nach Plan, weil eine Kampagne daran gekoppelt ist. Der Vertrag lässt das ohne Nachverhandlung zu, weil Budget und Zeit fix und der Umfang variabel vereinbart waren. Beide Seiten wissen jederzeit, wo sie stehen, und der Konflikt über Mehrleistungen, der bei einem klassischen Festpreis entstanden wäre, bleibt aus.

Typische Fehler bei Scrum in Kundenprojekten

Fehler und Gegenmittel
FehlerFolgeGegenmittel
Klassischer Festpreis mit Scrum-EtikettStreit über jede ÄnderungVertragsmodell mit variablem Umfang wählen
Kunde ohne Zeit für die Rolle des Product OwnersEntscheidungen bleiben liegen, Reviews ohne KundeZeitbedarf im Angebot festhalten, Tandem-Modell
Backlog nicht für den Kunden sichtbarMisstrauen, Überraschungengemeinsamer, einsehbarer Backlog
Ein Team gleichzeitig in vielen Kundenprojekten mit ScrumPrioritätskonflikte, kein echtes Sprint GoalKanban oder feste Teams pro grossem Kunden
Abrechnung ohne Bezug zu EinträgenKunde versteht Kosten nichtZeiterfassung pro Eintrag, Budgetbericht im Review

Wie formuliert man ein agiles Angebot?

Ein agiles Angebot beschreibt nicht jede Funktion im Detail, sondern Ziel, Rahmen und Vorgehen. Es enthält das angestrebte Ergebnis und den Nutzen für den Kunden, einen ersten priorisierten Grobumfang mit relativen Schätzungen, die Teamzusammensetzung, die Sprintlänge, das Vertragsmodell mit Budget und Zeitrahmen sowie die Mitwirkung des Kunden, insbesondere die Zeit der Person in der Rolle des Product Owners. Wichtig ist eine klare Aussage, wie mit neuen Wünschen umgegangen wird: Sie werden in den Backlog aufgenommen und priorisiert, und bei festem Budget verdrängen sie andere Einträge.

Viele Kunden sind mit dieser Form zunächst nicht vertraut. Hilfreich ist eine kurze Discovery- oder Konzeptphase zu einem Festpreis, in der Ziele, Backlog und Schätzungen gemeinsam erarbeitet werden. Danach kann der Kunde auf einer fundierten Grundlage entscheiden, ob und mit welchem Budget die Umsetzung erfolgt. Diese Zweiteilung entspricht der Logik eines Projektauftrags mit anschliessender Freigabe, siehe Projektauftrag schreiben.

Scrum in Kundenprojekten und Projektmanagementstandards

Für Kundenprojekte gelten oft zusätzliche Anforderungen an Vertrag, Steuerung und Dokumentation, etwa wenn der Kunde nach HERMES oder einem eigenen Projektmanagementstandard arbeitet. Die Norm ISO 21502 lässt agile und hybride Liefermodelle ausdrücklich zu und betont die Abstimmung des Vorgehens mit dem Auftraggeber [3]. In der Praxis bedeutet das: Das agile Vorgehen wird im Projektauftrag festgehalten, mit klaren Regeln für Budget, Änderungen und Abnahmen. Den Gesamtzusammenhang zeigt der Leitfaden Agiles Projektmanagement in der Praxis.

Häufige Fragen

Funktioniert Scrum in Agenturen?

Ja, wenn die Rolle des Product Owners beim Kunden mit Entscheidungsbefugnis und ausreichend Zeit besetzt ist, das Vertragsmodell einen variablen Umfang zulässt und Budget sowie Fortschritt transparent gemacht werden. Für viele kleine Aufträge verschiedener Kunden ist Kanban oft besser geeignet.

Wer ist in einem Kundenprojekt Product Owner?

Fachlich liegt die Verantwortung beim Kunden, weil nur er entscheiden kann, was für sein Geschäft am wertvollsten ist. Bewährt hat sich ein Tandem: eine Person des Kunden mit Entscheidungsbefugnis, unterstützt durch eine Person der Agentur bei Formulierung, Priorisierung und Vorbereitung.

Welcher Vertrag passt zu agilen Projekten?

Verträge, die Budget und Zeit festlegen und den Umfang über Priorisierung steuern, etwa Aufwand mit Kostendach, Festpreis pro Sprint, Festpreis pro Release mit Tauschrecht oder Rahmenverträge mit Abrufen. Klassische Festpreise mit vollständig beschriebenem Umfang passen schlecht.

Wie rechnet eine Agentur agile Projekte ab?

Je nach Vertrag nach Aufwand, pro Sprint oder pro Release. Grundlage ist eine Zeiterfassung pro Projekt und Eintrag, ergänzt um einen Budgetbericht mit verbrauchtem und verbleibendem Budget sowie einer Prognose, der im Sprint Review mit dem Kunden besprochen wird.

Quellen

  1. [1]The Scrum Guide, November 2020 (Ken Schwaber, Jeff Sutherland) — scrumguides.org. Abgerufen am 31. Oktober 2026 · Primärquelle
  2. [2]Manifest für Agile Softwareentwicklung (2001) — agilemanifesto.org. Abgerufen am 31. Oktober 2026 · Primärquelle
  3. [3]ISO 21502:2020 Project, programme and portfolio management — Guidance on project management — International Organization for Standardization (ISO). Abgerufen am 31. Oktober 2026 · Primärquelle

Änderungen an diesem Artikel

  • 31. Oktober 2026: Erstveröffentlichung. Grundlagen nach Scrum Guide 2020, Kanban Guide, Agilem Manifest, SAFe, Nexus und HERMES 2022.

Wie wir Fachinhalte recherchieren, prüfen und aktualisieren: Redaktionelle Grundsätze

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