Welche Scrum-Zertifizierungen gibt es?
Im Scrum-Umfeld haben sich zwei grosse Anbieter etabliert. Scrum.org wurde von Ken Schwaber gegründet, einem der beiden Begründer von Scrum, und vergibt die Professional-Scrum-Zertifizierungen, etwa Professional Scrum Master (PSM) und Professional Scrum Product Owner (PSPO). Scrum Alliance vergibt die Certified-Zertifizierungen, etwa Certified ScrumMaster (CSM) und Certified Scrum Product Owner (CSPO). Beide beruhen auf dem Scrum Guide, unterscheiden sich aber im Weg zum Zertifikat, in den Kosten und in der Gültigkeit.
Daneben gibt es weitere Zertifizierungen für Skalierung, etwa von Scaled Agile für SAFe oder Scaled Professional Scrum für Nexus, sowie für agile Methoden allgemein, etwa vom Project Management Institute. In der Schweizer Verwaltung ist zudem die HERMES-Zertifizierung verbreitet, die mit HERMES agil auch agile Elemente abdeckt. Dieser Beitrag konzentriert sich auf die Einstiegszertifizierungen für Scrum Master und Product Owner.
PSM I oder CSM: was sind die Unterschiede?
| Merkmal | PSM I (Scrum.org) | CSM (Scrum Alliance) |
|---|---|---|
| Kurspflicht | nein, Selbststudium möglich | ja, zweitägiger Kurs bei einem zertifizierten Trainer |
| Prüfung | 80 Fragen, 60 Minuten, online | 50 Fragen, 60 Minuten, online nach dem Kurs |
| Bestehensgrenze | 85 Prozent | 74 Prozent |
| Kosten | 200 USD pro Prüfungsversuch | im Kurspreis enthalten, Kurs je nach Anbieter |
| Gültigkeit | lebenslang, keine Erneuerungsgebühr | zwei Jahre, Erneuerung mit Weiterbildungseinheiten und Gebühr |
| Stärke | Nachweis von geprüftem Wissen, günstig | strukturiertes Lernen mit Trainer und Austausch |
Die Angaben zum PSM I stammen von Scrum.org: Die Prüfung kostet 200 USD pro Versuch, umfasst 80 Fragen in 60 Minuten mit einer Bestehensgrenze von 85 Prozent, und die Zertifizierung ist lebenslang gültig [1]. Für den CSM ist ein zweitägiger Kurs Voraussetzung, die anschliessende Prüfung umfasst 50 Fragen mit einer Bestehensgrenze von 74 Prozent, und die Zertifizierung muss alle zwei Jahre mit Weiterbildungseinheiten und einer Gebühr erneuert werden [2]. Preise und Bedingungen können sich ändern; massgebend sind die Angaben der Anbieter.
Welche Zertifizierung passt zu wem?
| Situation | Empfehlung |
|---|---|
| Erfahrung mit Scrum, Wunsch nach einem anerkannten Nachweis | PSM I im Selbststudium |
| Einstieg ohne Erfahrung, Wunsch nach strukturiertem Lernen | CSM oder ein offizieller Kurs mit anschliessender PSM-Prüfung |
| Rolle als Product Owner | PSPO I oder CSPO |
| Mehrere Teams an einem Produkt | nach den Grundlagen Scaled Professional Scrum oder SAFe-Zertifizierungen |
| Arbeit in der Schweizer Verwaltung | zusätzlich HERMES-Zertifizierung, die HERMES agil einschliesst |
Für viele Arbeitgeber ist weniger die konkrete Zertifizierung entscheidend als der Nachweis, dass jemand Scrum verstanden hat und anwenden kann. In Stellenausschreibungen werden PSM und CSM oft gleichwertig genannt. Wer bereits Praxiserfahrung hat, kann mit dem PSM I kostengünstig einen Nachweis erbringen; wer neu einsteigt, profitiert vom strukturierten Kurs.
Wie bereitet man sich auf die PSM-I-Prüfung vor?
- 1Den Scrum Guide 2020 mehrfach gründlich lesen, idealerweise auf Englisch, weil die Prüfung englischsprachig formuliert ist.
- 2Jede Aussage im Guide verstehen, nicht nur auswendig lernen; viele Fragen prüfen Anwendung in Situationen.
- 3Den kostenlosen Übungstest von Scrum.org mehrfach absolvieren, bis er sicher bestanden wird.
- 4Unterschiede zwischen dem Guide und der eigenen Praxis bewusst klären, denn in der Prüfung gilt der Guide.
- 5Zeit einteilen: 80 Fragen in 60 Minuten lassen im Schnitt 45 Sekunden pro Frage.
Der häufigste Fehler in der Vorbereitung ist, die eigene Praxis mit Scrum zu verwechseln. Viele Teams arbeiten mit Varianten, etwa mit einem Daily als Statusrunde oder mit einem Product Owner als Gremium. In der Prüfung zählt ausschliesslich, was der Scrum Guide sagt [3]. Eine gute Vorbereitung ist deshalb zugleich eine Gelegenheit, die eigene Praxis kritisch zu prüfen, siehe Scrum Guide 2020 verständlich erklärt und Die fünf Scrum-Events.
Was bringt eine Scrum-Zertifizierung tatsächlich?
Eine Zertifizierung belegt, dass jemand die Regeln von Scrum kennt und Fragen dazu richtig beantworten kann. Sie belegt nicht, dass jemand ein Team erfolgreich begleiten, Konflikte moderieren oder eine Organisation verändern kann. Diese Fähigkeiten entstehen nur in der Praxis. Für Arbeitgeber ist ein Zertifikat deshalb ein Einstiegssignal, keine Garantie; für die zertifizierte Person ist es ein Anlass, das Gelernte in echten Teams anzuwenden und zu vertiefen.
Sinnvoll ist eine Zertifizierung vor allem dann, wenn sie mit Praxis verbunden wird: etwa als Grundlage für die erste Rolle als Scrum Master in einem Pilotteam oder als Vertiefung nach einigen Monaten Erfahrung. Aufbauende Zertifizierungen wie PSM II setzen deutlich mehr Erfahrung voraus und prüfen die Anwendung in komplexen Situationen.
Typische Missverständnisse über Zertifizierungen
- «Mit Zertifikat bin ich Scrum Master.» Das Zertifikat belegt Wissen; die Rolle verlangt Erfahrung und Fähigkeiten in Moderation und Coaching.
- «CSM und PSM sind gleich schwer.» Die Prüfungen unterscheiden sich in Umfang und Bestehensgrenze deutlich.
- «Zertifikate laufen alle ab.» Der PSM I ist lebenslang gültig, der CSM muss erneuert werden.
- «Die Prüfung testet unsere Praxis.» Sie testet den Scrum Guide, nicht die Variante des eigenen Teams.
- «Mehr Zertifikate sind immer besser.» Ein Zertifikat mit echter Praxis überzeugt mehr als viele ohne Erfahrung.
Welche Zertifizierungen gibt es für Product Owner?
Für Product Owner bieten beide Anbieter eigene Zertifizierungen an: den Professional Scrum Product Owner (PSPO) von Scrum.org und den Certified Scrum Product Owner (CSPO) von Scrum Alliance. Das Prinzip entspricht dem der Scrum-Master-Zertifizierungen: Beim PSPO steht eine Online-Prüfung im Mittelpunkt, beim CSPO ein Kurs bei einem zertifizierten Trainer. Inhaltlich geht es um Produktvision, Product Goal, Backlog-Management, Priorisierung, Zusammenarbeit mit Stakeholdern und die Maximierung des Produktwerts.
Für Product Owner ist neben Scrum-Wissen vor allem Produkt- und Fachwissen entscheidend: Wer versteht, was Kunden brauchen und wie das Geschäft funktioniert, trifft bessere Prioritätsentscheidungen. Eine Zertifizierung kann den methodischen Rahmen geben, ersetzt aber nicht die inhaltliche Kompetenz. Ergänzend lohnt sich Wissen über Priorisierungsmethoden, siehe Backlog priorisieren, und über das Schreiben guter Einträge, siehe User Stories schreiben.
Wie sieht ein sinnvoller Lernpfad aus?
- 1Grundlagen: Scrum Guide gründlich lesen, erste Praxis in einem Team sammeln.
- 2Einstiegszertifizierung: PSM I oder CSM für Scrum Master, PSPO I oder CSPO für Product Owner.
- 3Vertiefung in der Praxis: mindestens ein Jahr Erfahrung in der Rolle, Retrospektiven und Reviews moderieren, Konflikte begleiten.
- 4Erweiterung: Kanban, Facilitation, Coaching, agile Führung.
- 5Fortgeschrittene Zertifizierungen: etwa PSM II oder Skalierungszertifizierungen, wenn die Rolle es verlangt.
Ein solcher Lernpfad verbindet Zertifizierungen mit Erfahrung, statt Zertifikate zu sammeln. Arbeitgeber schätzen es, wenn Bewerbende nicht nur Zertifikate nennen, sondern konkrete Situationen beschreiben können, in denen sie ein Team weitergebracht haben. Gerade bei fortgeschrittenen Zertifizierungen wird diese Erfahrung auch in der Prüfung vorausgesetzt, weil die Fragen komplexe Situationen ohne eindeutige Lösung abbilden.
Wer im Unternehmen Mitarbeitende für agile Rollen ausbildet, sollte Zertifizierungen mit Begleitung in der Praxis verbinden, etwa durch erfahrene Kolleginnen oder externe Coaches, die neue Scrum Master in den ersten Monaten unterstützen. So wird das Gelernte schnell angewendet, und typische Fehler der ersten Zeit werden früh erkannt.
Lohnt sich die Investition für Unternehmen?
Für Unternehmen stellt sich die Frage, ob sie Zertifizierungen ihrer Mitarbeitenden finanzieren sollen. Die Kosten sind überschaubar im Vergleich zum Nutzen, wenn die Zertifizierung mit einer konkreten Rolle verbunden ist und das Gelernte direkt angewendet wird. Weniger sinnvoll ist es, ganze Abteilungen ohne konkreten Anwendungsbezug zertifizieren zu lassen. Wirksamer als breite Zertifizierungsprogramme sind oft gemeinsame Schulungen eines Teams, gefolgt von begleiteter Praxis. Für Dienstleister kann ein zertifiziertes Team zudem ein Argument gegenüber Kunden sein, die agile Kompetenz nachweisbar verlangen, etwa in Ausschreibungen.
Unabhängig vom Weg gilt: Der Scrum Guide ist kostenlos, kurz und die einzige verbindliche Grundlage. Wer ihn gründlich verstanden hat und in einem Team anwendet, hat bereits den wichtigsten Schritt getan, mit oder ohne Zertifikat. Das Zertifikat macht dieses Wissen für andere sichtbar und kann den Einstieg in eine neue Rolle erleichtern. Entscheidend bleibt, was danach in der Praxis mit dem Wissen geschieht und wie es Teams tatsächlich weiterbringt.
Zertifikat und Praxis ergänzen sich also, sie ersetzen sich nicht.
Zertifizierungen im DACH-Raum
Im DACH-Raum sind PSM und CSM in Softwareunternehmen und Agenturen gleichermassen verbreitet. Kurse werden von zahlreichen Anbietern in Deutsch und Englisch angeboten, die Prüfungen von Scrum.org sind englischsprachig. In der Schweizer Bundesverwaltung und bei ihren Lieferanten ist zusätzlich die HERMES-Zertifizierung gefragt; mehr dazu im Beitrag HERMES-Zertifizierung. Für Projektleitende mit klassischem Hintergrund kann eine Kombination aus Projektmanagementzertifizierung und Scrum-Zertifizierung sinnvoll sein, um hybride Projekte kompetent zu führen. Den Gesamtzusammenhang zeigt der Leitfaden Agiles Projektmanagement in der Praxis.