Welche HERMES-Zertifikate gibt es?
HERMES kennt zwei Zertifizierungsstufen. Foundation richtet sich an Projektmitarbeitende, Advanced an Personen in der Projektleitung. Schulungsunterlagen und Prüfungen basieren auf HERMES Online und dem Referenzhandbuch, die Zertifizierung führt TÜV SÜD durch.[1]
| Merkmal | Foundation | Advanced |
|---|---|---|
| Zielgruppe | Projektmitarbeitende, auch ohne Vorkenntnisse | Projektleitende mit HERMES-Kenntnissen und Praxis |
| Prüfung | 60 Minuten, 40 Multiple-Choice-Fragen | Zwei schriftliche Teile zu je 60 Minuten, dazwischen 10 Minuten Pause |
| Voraussetzung | Keine formale | Foundation empfohlen, laut Prüfungsstelle nicht zwingend |
| Gültigkeit | Unbegrenzt | Fünf Jahre, dann Rezertifizierung |
| Zertifikat | Personenzertifikat TÜV SÜD | Personenzertifikat TÜV SÜD |
Die Angaben zu Dauer und Format stammen von der Prüfungsstelle und Trainingsanbietern: Die Foundation-Prüfung dauert 60 Minuten mit 40 Multiple-Choice-Fragen[4], die Advanced-Prüfung besteht aus zwei Teilen zu je 60 Minuten und behandelt ausschliesslich HERMES, keine anderen Methoden.[2] Vor der Anmeldung lohnt sich ein Blick auf die aktuellen Bedingungen bei TÜV SÜD, weil Formate angepasst werden können.
Was wird in der Prüfung verlangt?
Die Bundeskanzlei veröffentlicht Lernzielkataloge je Stufe. Sie betreffen ausschliesslich das Projektmanagement: die Führung der Lösungsentstehung mit den HERMES-relevanten Entscheiden und die Erarbeitung der Ergebnisse aus Sicht des Projektmanagements.[7] Typische Lernziele der Foundation-Stufe sind etwa:
- Zwischen klassischer und agiler Vorgehensweise unterscheiden und erklären, wie die Methode jeweils genutzt wird.
- Die klare Trennung von Kompetenzen und Verantwortung zwischen Projektleiter und Anwendervertreter erklären.
- Zweck und Aufbau der Szenarien kennen und erklären, warum alle Projekte die Phasen Initialisierung und Abschluss haben.
- Phasen- und releasespezifische Meilensteine eines Projekts im Szenario Dienstleistung/Produkt Entwicklung verdeutlichen.
- Die Methodenelemente Ergebnisse und Aufgaben erläutern.
Wer die Kapitel dieses Leitfadens durcharbeitet, deckt die Grundlagen ab — insbesondere Phasen, Rollen und Meilensteine. Für die Prüfung massgebend bleiben aber die offiziellen Lernziele und das Referenzhandbuch.
Wie funktioniert die Rezertifizierung?
Das Advanced-Zertifikat gilt fünf Jahre. Für die Rezertifizierung sind Nachweise bei TÜV SÜD einzureichen.[1] Trainingsanbieter nennen als Anforderungen unter anderem Weiterbildungen im Umfang von mindestens 20 Unterrichtseinheiten zu je 45 Minuten[4] sowie Arbeitsstunden in Projekten, die HERMES anwenden.[6] Das Foundation-Zertifikat muss nicht erneuert werden.
Lift-Kurse für HERMES-5-Zertifizierte
Für Personen mit einer bestehenden HERMES-5-Zertifizierung bieten Bildungsanbieter sogenannte Lift-Kurse an, die gezielt auf die Ausgabe 2022 vorbereiten.[6] Sie konzentrieren sich auf die Neuerungen: die Trennung von Projekt- und Entwicklungsmanagement, die agile Phase Umsetzung, die neue Szenario-Logik und die überarbeiteten Rollen. Wer HERMES 5 gut kennt, spart damit gegenüber einem vollständigen Kurs Zeit.
Was kostet eine HERMES-Zertifizierung?
Für Arbeitgeber lohnt sich ein Blick auf das Gesamtpaket: Kurs, Prüfung, Arbeitszeit für Kurstage und Vorbereitung sowie bei Advanced die spätere Rezertifizierung. Kombipakete für Foundation und Advanced sind bei mehreren Anbietern erhältlich und meist günstiger als zwei Einzelbuchungen.
Die Kosten setzen sich aus Kurs und Prüfung zusammen und unterscheiden sich je nach Anbieter. Ein Beispiel der ZHAW mit Stand August 2024:[5]
| Stufe | Kurs | Prüfung |
|---|---|---|
| Foundation | CHF 2'040 (2 Kurstage) | CHF 350 |
| Advanced | CHF 2'100 (3 Kurstage) | CHF 890 |
Die Zahlen dienen der Orientierung; Preise anderer Anbieter und aktuelle Konditionen weichen ab. Bei Online-Prüfungen direkt bei TÜV SÜD kann laut Prüfungsstelle zusätzlich die deutsche Mehrwertsteuer anfallen.[2]
Geht es auch ohne Kurs?
Ja. Die Bundeskanzlei hält fest, dass die Zertifizierung auch ohne vorgängigen Kurs möglich ist.[1] Ob sich das lohnt, hängt von der Erfahrung ab. Wer HERMES-Projekte bereits geführt hat und das Referenzhandbuch kennt, kann sich im Selbststudium vorbereiten. Wer neu ist, profitiert von einem Kurs, weil die Prüfung nach HERMES-Terminologie fragt und nicht nach allgemeinem Projektmanagementwissen.
Ein Vorbereitungsplan in sechs Schritten
- 1Lernzielkatalog der gewünschten Stufe bei der Bundeskanzlei herunterladen und als Checkliste verwenden.
- 2Das Referenzhandbuch in der aktuellen Auflage lesen, zuerst Methodenüberblick, Phasen, Szenarien und Rollen.
- 3Auf HERMES Online die Beziehungen zwischen Modulen, Aufgaben, Ergebnissen und Rollen nachvollziehen.
- 4Für Advanced: ein eigenes Beispielprojekt durchspielen — Szenario wählen, Sizing durchführen, Meilensteine und Ergebnisse planen.
- 5Begriffe sauber lernen: Stammorganisation, Anwendungsorganisation, Umsetzungsorganisation, minimal geforderte Dokumente.
- 6Prüfungstermin früh buchen; Online-Prüfungen finden mit Fernaufsicht statt.
Als Ergänzung bietet die Flenio PM-Akademie den Kurs HERMES 2022 – Grundlagen mit Lektionen zu allen Methodenelementen. Er ist eine vertiefende Weiterbildung und keine offizielle HERMES-Zertifizierung.
Wie läuft die Prüfung ab?
Geprüft wird bei TÜV SÜD oder über Trainingspartner, als Präsenz- oder Online-Prüfung. Online-Prüfungen finden mit Fernaufsicht statt; Trainingsanbieter nennen dafür etwa die Software ProctorExam. Bei einer Präsenzprüfung mit frühzeitiger Anmeldung erhalten erfolgreiche Teilnehmende das Zertifikat laut Prüfungsstelle direkt im Anschluss, bei kurzfristiger Anmeldung nach etwa zwei bis drei Wochen; bei Online-Prüfungen wenige Tage nach der Prüfung.[2]
Wer über einen Kurs eines Bildungsanbieters zertifiziert, legt die Prüfung oft rund eine Woche nach dem letzten Kurstag ab. Die ZHAW etwa plant für Foundation zwei Kurstage mit Prüfung online etwa eine Woche später, für Advanced drei Kurstage plus rund zehn Stunden individuelle Vorbereitung.[5] Diese Zeit sollte im eigenen Kalender realistisch eingeplant werden.
Typische Prüfungsfallen
Die Prüfungen fragen konsequent nach HERMES-Terminologie und HERMES-Logik. Allgemeines Projektmanagementwissen hilft, kann aber in die Irre führen, wenn es mit Begriffen anderer Methoden arbeitet. Häufige Stolpersteine sind:
- Phase und Szenario verwechseln: Ein Szenario beschreibt nur die Lösungsentstehung, nie Initialisierung und Abschluss.
- Anwendervertreter und Projektleiter vermischen: Der Anwendervertreter verantwortet die fachliche Lösung, der Projektleiter Ablauf, Termine und Kosten.
- Entscheidungsebenen falsch zuordnen: Ausschreibung, Zuschlag und Betriebsaufnahme entscheidet die Steuerung, Vorabnahme und Lösungsarchitektur die Führung.
- Minimal geforderte Dokumente als immer gültig betrachten: Sie entfallen mit ihrem Modul.
- Begriffe aus Scrum oder PRINCE2 verwenden, wo HERMES eigene Begriffe hat, etwa Umsetzungsorganisation statt Scrum-Team.
Wer diese Unterschiede beherrscht, hat einen grossen Teil der Foundation-Prüfung im Griff. Für Advanced kommt die Anwendung dazu: ein Projekt planen, Rollen besetzen, Freigaben vorbereiten — so wie im Kapitel HERMES-Ergebnisse beschrieben.
Rezertifizierung: Ablauf im Detail
Die Rezertifizierung des Advanced-Zertifikats erfolgt laut Prüfungsstelle auf Antrag vor Ablauf des Zertifizierungszeitraums, in der Regel frühestens ein halbes Jahr vor Ablauf. Sie erfolgt in der HERMES-Version der ursprünglich abgelegten Prüfung.[3] Wer die Nachweise über Weiterbildung und Projektpraxis laufend sammelt, hat beim Antrag kaum Aufwand. Hilfreich ist eine einfache Liste mit Datum, Anbieter, Thema und Dauer jeder Weiterbildung sowie den HERMES-Projekten mit Rolle und Zeitraum.
Zertifizierung aus Sicht von Organisationen
HERMES zertifiziert Personen, nicht Organisationen. Für Stammorganisationen ist die Zertifizierung dennoch ein Steuerungsinstrument: Sie können in ihren Vorgaben festlegen, welche Stufe für welche Rolle erwartet wird, und in Ausschreibungen HERMES-Zertifikate als Eignungs- oder Zuschlagskriterium verlangen. Für das Qualitäts- und Risikomanagement setzt die offizielle Rollenbeschreibung vertiefte, durch ein Zertifikat belegte HERMES-Kenntnisse bereits voraus.[8] Lieferanten tun gut daran, die Zertifikate ihrer Mitarbeitenden aktuell zu halten und in Angeboten zu belegen.
HERMES-Zertifikate neben PMP, IPMA und PRINCE2
HERMES-Zertifikate sind methodenspezifisch: Sie belegen, dass jemand HERMES kennt und anwenden kann. Zertifikate wie PMP oder IPMA belegen dagegen methodenübergreifende Projektmanagementkompetenz; bei IPMA sehen höhere Stufen laut einer Übersicht der ZHAW mehrstufige Verfahren mit Bericht und Interview vor.[5] In der Schweizer Verwaltung ergänzen sich beide Arten: HERMES für die Methode, ein allgemeines Zertifikat für die Breite. PRINCE2 ist wie HERMES methodenspezifisch; der Vergleich steht im Kapitel HERMES vs. PRINCE2.
Ein Lernplan über vier Wochen
| Woche | Schwerpunkt | Ergebnis |
|---|---|---|
| 1 | Methodenüberblick, Phasen, Projektlebenszyklus klassisch und agil | Eigene Skizze beider Lebenszyklen |
| 2 | Szenarien und Module, Sizing auf HERMES Online ausprobieren | Ein benutzerdefiniertes Szenario |
| 3 | Rollen, Partnergruppen, Ergebnisse und minimal geforderte Dokumente | Liste der wichtigsten Ergebnisse je Phase |
| 4 | Meilensteine und Entscheide, Lernziele durchgehen, Probefragen | Lücken geschlossen, Prüfung gebucht |
Der Plan ist ein Vorschlag für Berufstätige mit einigen Stunden pro Woche. Für Advanced kommt mindestens eine Woche für ein durchgespieltes Beispielprojekt dazu.
Für wen lohnt sich welche Stufe?
| Situation | Empfehlung |
|---|---|
| Mitarbeit in einem HERMES-Projekt, z. B. als Fachspezialist oder Business Analyst | Foundation |
| Projektleitung in Bundes-, Kantons- oder Gemeindeprojekten | Advanced |
| Lieferant oder Berater, der regelmässig in HERMES-Projekten arbeitet | Foundation, bei Projektleitungsrollen Advanced |
| Qualitäts- und Risikomanagement-Mandate | Advanced; die Rolle verlangt vertiefte, durch ein Zertifikat belegte HERMES-Kenntnisse |
| Auftraggeber oder Projektausschuss | Kurs für Auftraggeber ohne Zertifizierung kann genügen |
Die Anforderung an das Qualitäts- und Risikomanagement stammt aus der offiziellen Rollenbeschreibung.[8] Wie HERMES-Zertifikate sich zu PMP, IPMA oder PRINCE2 verhalten, zeigt das Kapitel HERMES vs. PRINCE2; den Gesamtüberblick bietet der HERMES-Leitfaden.