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Kapitel im Leitfaden Prozessmanagement und BPMN

Ist-Soll-Analyse von Prozessen: Schwachstellen finden und Soll-Prozess gestalten

Von Leutrim MiftarajBPMN-2.0-Experte · PMPStand: 31. Oktober 20266 Minuten Lesezeit

Kurz erklärt

Eine Ist-Soll-Analyse vergleicht den heutigen Ablauf eines Prozesses mit einem verbesserten Zielzustand. Zuerst werden im Ist-Prozess Schwachstellen wie Wartezeiten, Medienbrüche, Doppelarbeit und unklare Zuständigkeiten identifiziert und mit Kennzahlen belegt. Daraus wird ein Soll-Prozess gestaltet, abgestimmt und mit einem Umsetzungsplan eingeführt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ohne validiertes Ist-Modell bleibt die Analyse spekulativ.
  • Wartezeiten machen oft den grössten Teil der Durchlaufzeit aus.
  • Diagramme werden als Ist- oder Soll-Prozess gekennzeichnet; eCH-0158 sieht dafür ein Attribut vor [1].
  • Der Soll-Prozess braucht einen Umsetzungsplan, sonst bleibt er ein Bild an der Wand.

Wozu dient eine Ist-Soll-Analyse?

Die Ist-Soll-Analyse ist das Herzstück jeder Prozessverbesserung. Sie beantwortet drei Fragen: Wie läuft der Prozess heute ab? Wie soll er künftig ablaufen? Was muss sich ändern, damit der Soll-Zustand erreicht wird? In Projekten zur Einführung neuer Software ist sie besonders wichtig, weil sie verhindert, dass ein schlechter Prozess einfach digitalisiert wird. Wer nur den Ist-Ablauf in ein neues System überträgt, erhält denselben Prozess mit neuer Oberfläche, aber nicht die erhofften Verbesserungen.

Ist- und Soll-Prozess werden mit derselben Notation dargestellt, damit sie vergleichbar sind. eCH-0158 sieht für Diagramme ein Attribut vor, das sie als Ist- oder Soll-Prozess kennzeichnet, neben weiteren Angaben wie Prozesseigner, Status und Freigabe [1]. Die Notation folgt ISO/IEC 19510, sodass beide Modelle im selben Werkzeug gepflegt werden können [2]. Wie der Ist-Prozess aufgenommen wird, beschreibt der Beitrag Prozesse aufnehmen.

Welche Schwachstellen gibt es in Prozessen?

Typische Schwachstellenkategorien
KategorieErkennungsmerkmal im ModellBeispiel
WartezeitenZwischenereignisse, lange Liegezeiten zwischen TätigkeitenFreigabe liegt tagelang bei der Leitung
MedienbrücheDaten werden zwischen Systemen oder Papier und System übertragenStunden aus Excel in die Buchhaltung abtippen
Doppelarbeitdieselbe Tätigkeit in mehreren LanesKundendaten in CRM und Buchhaltung erfassen
Schleifenhäufige Rücksprünge nach Prüfungendrei Korrekturrunden bei jedem Antrag
Viele Übergabenhäufiger Wechsel zwischen LanesAntrag wandert durch fünf Rollen
Unklare ZuständigkeitTätigkeiten ohne eindeutige Lane, Gruppen statt Rollenniemand fühlt sich für Mahnungen zuständig
Fehlende Kontrollenkeine Prüfung vor kritischen SchrittenRechnungen ohne Vier-Augen-Prinzip
ÜberkontrollePrüfungen ohne erkennbaren Nutzendreifache Freigabe kleiner Beträge

Viele dieser Schwachstellen werden erst im Modell sichtbar. Ein Diagramm mit vielen Wechseln zwischen Lanes zeigt Übergaben, die im Alltag als selbstverständlich gelten. Häufige Rücksprünge nach Prüfungen deuten auf unklare Anforderungen oder fehlende Vorlagen hin. Rote Markierungen aus dem Aufnahme-Workshop sind ein guter Ausgangspunkt für die Analyse.

Mit welchen Kennzahlen wird der Ist-Prozess bewertet?

Kennzahlen für die Prozessanalyse
KennzahlBedeutungErhebung
DurchlaufzeitZeit vom Auslöser bis zum ErgebnisZeitstempel in Systemen, Stichproben
Bearbeitungszeittatsächliche Arbeitszeit an einem FallZeiterfassung, Schätzung der Beteiligten
WartezeitDurchlaufzeit minus Bearbeitungszeitberechnet
FallzahlAnzahl Durchläufe pro ZeitraumSystemdaten
SchleifenquoteAnteil der Fälle mit RücksprungStichprobe, Systemdaten
FehlerquoteAnteil fehlerhafter ErgebnisseReklamationen, Prüfprotokolle
Kosten pro FallBearbeitungszeit mal Stundensatz plus Sachkostenberechnet

Kennzahlen machen die Analyse überprüfbar und schaffen eine Grundlage, um den Erfolg des Soll-Prozesses später zu messen. Wo keine Systemdaten vorliegen, genügen oft Stichproben: Zehn bis zwanzig Fälle der letzten Wochen werden mit Eingangs- und Abschlussdatum nachverfolgt. Mehr zu Kennzahlen im Glossar unter KPI.

Rechenbeispiel: Wo steckt die Zeit?

Eine Agentur analysiert die Freigabe von Kundenentwürfen. Eine Stichprobe von 20 Fällen ergibt eine durchschnittliche Durchlaufzeit von 8 Arbeitstagen vom Versand des ersten Entwurfs bis zur Freigabe. Die tatsächliche Bearbeitungszeit beträgt im Durchschnitt 6 Stunden, also bei 8 Stunden pro Arbeitstag 0,75 Arbeitstage. Die Wartezeit beträgt damit 7,25 Arbeitstage, also rund 91 von 100 Teilen der Durchlaufzeit. Im Durchschnitt gibt es 2,4 Korrekturrunden pro Fall.

Ist und Soll im Vergleich
KennzahlIstSollMassnahme
Durchlaufzeit8 Arbeitstage4 Arbeitstagefeste Antwortfrist von zwei Tagen pro Runde im Angebot
Bearbeitungszeit6 Stunden5 StundenBriefing-Vorlage mit Pflichtangaben
Korrekturrunden2,41,5Abstimmung des Konzepts vor dem ersten Entwurf
Wartezeit7,25 Arbeitstage3,4 ArbeitstageErinnerung nach zwei Tagen, gebündelte Rückmeldung

Das Beispiel zeigt ein typisches Muster: Die Bearbeitungszeit ist nur ein kleiner Teil der Durchlaufzeit; der Hebel liegt in den Wartezeiten und den Schleifen. Im Soll-Wert von 4 Arbeitstagen stecken 5 Stunden Bearbeitung, also 0,6 Arbeitstage, und 3,4 Arbeitstage Wartezeit. Eine Beschleunigung der Kreation hätte wenig bewirkt; wirksam sind klarere Briefings, eine frühere Konzeptabstimmung und verbindliche Antwortfristen.

Nach welchen Prinzipien wird der Soll-Prozess gestaltet?

  • Weglassen vor Automatisieren: Tätigkeiten ohne Nutzen streichen, bevor sie digitalisiert werden.
  • Übergaben reduzieren: Zusammengehörige Tätigkeiten in einer Rolle bündeln.
  • Prüfungen gezielt einsetzen: dort, wo Fehler teuer sind, und so früh wie möglich.
  • Parallelisieren: unabhängige Tätigkeiten gleichzeitig statt nacheinander ausführen.
  • Medienbrüche beseitigen: Daten einmal erfassen und weiterverwenden.
  • Regeln auslagern: Entscheidungslogik als Geschäftsregel beschreiben statt in Gateway-Kaskaden.

Das letzte Prinzip stammt direkt aus eCH-0158: Folgen mehr als zwei Gateways aufeinander, handelt es sich meist um eine Geschäftsregel, die besser in einer Entscheidungstabelle, in Prosa oder in einer Checkliste beschrieben wird [1]. Das macht den Soll-Prozess übersichtlicher und die Regel leichter änderbar. Methodische Anregungen für Verbesserungen bieten auch Ansätze aus dem Lean Management, siehe Lean und Wertstromanalyse.

Vom Soll-Prozess zu Anforderungen

Der Soll-Prozess ist eine wichtige Quelle für Anforderungen an Systeme und Organisation. Jede Tätigkeit, die ein System unterstützen soll, erzeugt funktionale Anforderungen, jede Frist und jedes Volumen Qualitätsanforderungen. Der IREB-Lehrplan beschreibt Prozessmodelle als Modelle für Funktion und Fluss, die mit Aktivitätsdiagrammen oder BPMN ausgedrückt werden [3]. Wie aus Modellen präzise Anforderungen werden, beschreibt der Beitrag Anforderungen formulieren.

Wie wird der Soll-Prozess eingeführt?

  1. 1Soll-Prozess mit Prozesseigner und Betroffenen abstimmen und freigeben.
  2. 2Massnahmen ableiten: Systeme, Vorlagen, Rollen, Schulungen, Regeln.
  3. 3Umsetzungsplan mit Verantwortlichen und Terminen erstellen.
  4. 4Pilotieren: Soll-Prozess mit einem Team oder einer Kundengruppe erproben.
  5. 5Einführen und schulen.
  6. 6Kennzahlen nach einigen Wochen erneut erheben und mit dem Ist vergleichen.

Die Umsetzung ist oft ein eigenes kleines Projekt mit Aufgaben, Verantwortlichen und Terminen. Ohne diesen Schritt bleibt der Soll-Prozess ein Diagramm, das niemand lebt. Wie Zuständigkeiten verbindlich festgehalten werden, zeigt die Vorlage RACI-Matrix; die Begriffe erklärt das Glossar unter Soll-Ist-Vergleich.

Typische Fehler bei der Ist-Soll-Analyse

Fehler und Gegenmittel
FehlerFolgeGegenmittel
Ist-Aufnahme übersprungenSoll-Prozess löst die falschen ProblemeIst validieren, bevor das Soll entsteht
Keine KennzahlenErfolg nicht messbarAusgangswerte mit Stichproben erheben
Nur Bearbeitungszeit optimiertDurchlaufzeit sinkt kaumWartezeiten und Schleifen analysieren
Ist digitalisiert statt verbessertalte Probleme im neuen Systemzuerst weglassen und vereinfachen
Kein UmsetzungsplanSoll bleibt auf PapierMassnahmen mit Verantwortlichen und Terminen

Ist-Soll-Analyse im Werkzeug

Ist- und Soll-Diagramme werden im BPMN-Werkzeug gepflegt, die Massnahmen zur Umsetzung als Aufgaben im Projekttool. In Flenio lassen sich Massnahmen mit Verantwortlichen, Terminen und Meilensteinen planen und mit den Diagrammen als Dokumente verknüpfen. Erfasste Zeiten liefern zudem Daten für die Bearbeitungszeit, die bei der Analyse fehlen. Wie Prozesse anschliessend dokumentiert werden, beschreibt der Beitrag Prozessdokumentation für KMU. Den Gesamtzusammenhang zeigt der Leitfaden BPMN 2.0 und Prozessmanagement.

Welche Verbesserungen werden zuerst umgesetzt?

Eine Ist-Soll-Analyse liefert meist mehr Verbesserungsideen, als sich gleichzeitig umsetzen lassen. Bewährt hat sich eine einfache Bewertung nach Wirkung und Aufwand: Massnahmen mit grosser Wirkung und geringem Aufwand werden zuerst umgesetzt, etwa eine Briefing-Vorlage oder eine verbindliche Antwortfrist. Massnahmen mit grosser Wirkung und hohem Aufwand, etwa eine neue Software, werden als eigenes Projekt geplant. Massnahmen mit geringer Wirkung werden zurückgestellt. Diese Priorisierung verhindert, dass ein Verbesserungsprojekt an seiner eigenen Grösse scheitert, und schafft früh sichtbare Erfolge, die die Akzeptanz für weitere Veränderungen erhöhen.

Wichtig ist zudem, die Betroffenen frühzeitig einzubeziehen. Ein Soll-Prozess, der ohne die ausführenden Mitarbeitenden entworfen wurde, stösst oft auf Widerstand, weil er praktische Hindernisse übersieht. Wer die Beteiligten an der Gestaltung beteiligt, erhält bessere Lösungen und eine höhere Bereitschaft, sie umzusetzen. Hilfreich ist, den Soll-Prozess vor der Einführung mit einem kleinen Team zu erproben und die Erfahrungen einfliessen zu lassen.

Nach der Einführung wird der Soll-Prozess zum neuen Ist. Die erneute Messung der Kennzahlen nach einigen Wochen zeigt, ob die erwarteten Verbesserungen eingetreten sind, und liefert den Ausgangspunkt für die nächste Runde. So wird die Ist-Soll-Analyse vom einmaligen Projekt zum Bestandteil einer kontinuierlichen Verbesserung.

Wie wird das Ergebnis kommuniziert?

Das Ergebnis einer Ist-Soll-Analyse richtet sich an verschiedene Zielgruppen. Die Geschäftsleitung braucht eine kurze Zusammenfassung mit den wichtigsten Schwachstellen, den erwarteten Verbesserungen in Kennzahlen und dem Aufwand für die Umsetzung. Die Prozessbeteiligten brauchen das Soll-Diagramm mit einer Erklärung, was sich für sie konkret ändert. Bewährt hat sich eine Gegenüberstellung von Ist und Soll auf einer Seite, ergänzt um die drei bis fünf wichtigsten Massnahmen. So bleibt die Analyse verständlich und anschlussfähig, statt in einem umfangreichen Bericht zu verschwinden.

Ergänzend lohnt sich eine kurze Information an alle Beteiligten nach der Einführung, welche Verbesserungen tatsächlich erreicht wurden. Sichtbare Erfolge erhöhen die Bereitschaft, sich an der nächsten Analyse zu beteiligen und eigene Vorschläge einzubringen.

So entsteht aus einer einzelnen Analyse ein lernender Kreislauf, in dem Prozesse Schritt für Schritt besser werden und die Organisation Erfahrung mit Veränderungen sammelt.

Häufige Fragen

Was ist eine Ist-Soll-Analyse?

Eine Ist-Soll-Analyse vergleicht den heutigen Ablauf eines Prozesses mit einem verbesserten Zielzustand. Sie identifiziert Schwachstellen im Ist, belegt sie mit Kennzahlen, gestaltet einen Soll-Prozess und leitet die Massnahmen ab, die für den Übergang nötig sind.

Welche Schwachstellen findet man in Prozessen?

Typisch sind Wartezeiten, Medienbrüche, Doppelarbeit, häufige Schleifen, viele Übergaben zwischen Rollen, unklare Zuständigkeiten sowie fehlende oder übermässige Kontrollen. Viele davon werden erst im Prozessmodell sichtbar, etwa durch häufige Wechsel zwischen Lanes oder Rücksprünge nach Prüfungen.

Wie berechnet man die Wartezeit in einem Prozess?

Die Wartezeit ergibt sich aus der Durchlaufzeit minus der tatsächlichen Bearbeitungszeit. Dauert ein Fall acht Arbeitstage und werden davon sechs Stunden tatsächlich gearbeitet, beträgt die Wartezeit bei acht Stunden pro Tag 7,25 Arbeitstage.

Wie gestaltet man einen Soll-Prozess?

Bewährt sind Prinzipien wie Weglassen vor Automatisieren, weniger Übergaben, gezielte und frühe Prüfungen, Parallelisieren unabhängiger Tätigkeiten, Beseitigen von Medienbrüchen und Auslagern von Entscheidungslogik in Geschäftsregeln. Der Soll-Prozess wird abgestimmt, pilotiert und mit Kennzahlen überprüft.

Quellen

  1. [1]eCH-0158 BPMN-Modellierungskonventionen für die öffentliche Verwaltung, Version 1.2 (genehmigt 2020-06-05) — Verein eCH. Abgerufen am 1. November 2026 · Primärquelle
  2. [2]ISO/IEC 19510:2013 Information technology — Object Management Group Business Process Model and Notation — International Organization for Standardization (ISO). Abgerufen am 1. November 2026 · Primärquelle
  3. [3]CPRE Foundation Level Syllabus, Version 3.2.0 vom 26. Februar 2024 — International Requirements Engineering Board (IREB) e.V.. Abgerufen am 1. November 2026 · Primärquelle

Änderungen an diesem Artikel

  • 31. Oktober 2026: Erstveröffentlichung. Grundlagen nach ISO/IEC 19510:2013 (BPMN 2.0.1), eCH-0158 V1.2 und Keller/Nüttgens/Scheer (1992).

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