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Kapitel im Leitfaden Prozessmanagement und BPMN

Prozesse aufnehmen: Workshop-Methoden, Interviews und Beobachtung

Von Leutrim MiftarajBPMN-2.0-Experte · PMPStand: 31. Oktober 20266 Minuten Lesezeit

Kurz erklärt

Prozesse werden in vier Schritten aufgenommen: Prozess abgrenzen (Start, Ende, Ergebnis, Beteiligte), Ablauf erheben (Workshop, Interviews, Beobachtung, Dokumente), Modell erstellen und mit den Beteiligten validieren. Bewährt ist ein moderierter Workshop, in dem die Beteiligten Tätigkeiten auf Karten schreiben und in Lanes ordnen; das BPMN-Diagramm entsteht danach.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ohne klare Abgrenzung wächst die Aufnahme ins Uferlose: Start, Ende und Ergebnis zuerst festlegen.
  • Workshops schaffen gemeinsames Verständnis, Beobachtung zeigt den tatsächlichen Ablauf.
  • Im Workshop wird mit Karten gearbeitet; die BPMN-Notation folgt danach.
  • Die Aufnahme ist erst abgeschlossen, wenn die Beteiligten das Modell bestätigt haben.

Wozu werden Prozesse aufgenommen?

Prozessaufnahme bedeutet, einen bestehenden Ablauf so zu erfassen, wie er tatsächlich stattfindet. Sie ist die Grundlage für fast alle weiteren Schritte im Prozessmanagement: Schwachstellen lassen sich nur finden, wenn der Ist-Ablauf bekannt ist; eine neue Software lässt sich nur sinnvoll einführen, wenn klar ist, welche Abläufe sie unterstützen soll; und eine Dokumentation ist nur wertvoll, wenn sie die Realität abbildet. In vielen Organisationen sind Abläufe nirgends beschrieben, sondern nur in den Köpfen der Mitarbeitenden vorhanden.

Die Aufnahme ist methodisch eng mit der Anforderungserhebung verwandt. Der IREB-Lehrplan unterscheidet Befragungs-, Kollaborations-, Beobachtungs- und artefaktbasierte Techniken und empfiehlt, sie zu kombinieren [1]. Dieselben Kategorien gelten für die Prozessaufnahme: Interviews und Workshops zeigen, wie Beteiligte den Ablauf sehen, Beobachtung zeigt, wie er tatsächlich abläuft, und Dokumente zeigen, wie er vorgesehen ist.

Wie wird ein Prozess abgegrenzt?

Steckbrief zur Abgrenzung eines Prozesses
FrageBeispiel Monatsabschluss im Treuhand
Wie heisst der Prozess (Substantiv plus Verb)?Monatsabschluss erstellen
Was löst ihn aus?5. Arbeitstag des Monats
Was ist das Ergebnis?Monatsbericht an den Kunden versendet
Wo beginnt und endet er?von der Belegeinforderung bis zum Versand des Berichts
Wer ist beteiligt?Sachbearbeitung, Mandatsleitung, Kunde
Was gehört nicht dazu?Jahresabschluss, Lohnbuchhaltung
Wer ist Prozesseigner?Leitung Treuhand
Wie oft kommt er vor?monatlich pro Kunde, rund 80 Mal pro Monat

Der Steckbrief wird vor der eigentlichen Aufnahme mit dem Prozesseigner erarbeitet. Die Benennung folgt der Konvention aus eCH-0158, Diagramme und Prozesse mit einem Substantiv und einem Verb im Infinitiv zu bezeichnen [2]. Besonders wichtig ist die Frage, was nicht dazugehört: Ohne sie dehnt sich die Aufnahme auf benachbarte Prozesse aus, und der Workshop endet in einer Diskussion über die gesamte Organisation.

Welche Methoden der Prozessaufnahme gibt es?

Methoden der Prozessaufnahme im Vergleich
MethodeVorgehenStärkeGrenze
WorkshopBeteiligte erarbeiten den Ablauf gemeinsam mit Karten und Lanesgemeinsames Verständnis, Schnittstellen sichtbarzeigt Sicht der Beteiligten, nicht unbedingt die Realität
InterviewEinzelgespräche mit Beteiligten entlang des AblaufsTiefe, auch heikle Themenzeitaufwendig, Einzelperspektive
BeobachtungMitarbeitende bei der Arbeit begleitentatsächlicher Ablauf, Umgehungen und Wartezeitenaufwendig, Verhalten ändert sich unter Beobachtung
DokumentenanalyseFormulare, Weisungen, Systemprotokolle auswertenunabhängig von Verfügbarkeit, zeigt Soll-VorgabenDokumente oft veraltet
Auswertung von SystemdatenZeitstempel aus Systemen analysieren, etwa Ticketverläufeobjektive Durchlaufzeiten und Variantennur für systemgestützte Schritte

In der Praxis bewährt sich eine Kombination: Dokumente und Systemdaten zur Vorbereitung, ein Workshop für das gemeinsame Bild, Beobachtung oder Interviews dort, wo der Workshop Widersprüche oder Unklarheiten zeigt. Für kleine Organisationen genügt oft ein einziger gut vorbereiteter Workshop mit anschliessender Validierung.

Wie läuft ein Aufnahme-Workshop ab?

  1. 1Einstieg (15 Minuten): Ziel, Abgrenzung und Regeln vorstellen; es geht um den heutigen Ablauf, nicht um den Wunsch.
  2. 2Start und Ende festlegen (10 Minuten): Auslöser und Ergebnis auf Karten an die Wand.
  3. 3Tätigkeiten sammeln (20 Minuten): Jede Person schreibt ihre Tätigkeiten auf Karten, eine Tätigkeit pro Karte, Substantiv plus Verb.
  4. 4Ordnen (30 Minuten): Karten in Reihenfolge bringen und Rollen in Bahnen zuordnen.
  5. 5Entscheidungen und Varianten (20 Minuten): Wo wird geprüft, was passiert bei Ablehnung, Fehlern, fehlenden Unterlagen?
  6. 6Schnittstellen (15 Minuten): Wer ausserhalb wird informiert, wer liefert etwas?
  7. 7Probleme markieren (15 Minuten): Wartezeiten, Doppelarbeit, Medienbrüche mit roten Punkten kennzeichnen.
  8. 8Abschluss (10 Minuten): offene Fragen, nächste Schritte, Termin für die Validierung.

Wichtig ist, im Workshop nicht direkt in BPMN zu zeichnen. Karten an der Wand oder auf einem digitalen Whiteboard sind für alle zugänglich, unabhängig von Vorkenntnissen. Die moderierende Person überträgt das Ergebnis danach in ein BPMN-Diagramm nach den vereinbarten Konventionen. So bleibt die Diskussion beim Inhalt, nicht bei der Notation. Für die Vorbereitung bietet flenio.ch eine Checkliste Workshop-Moderation.

Welche Fragen helfen bei der Aufnahme?

  • Was genau tun Sie in diesem Schritt, und womit?
  • Woher wissen Sie, dass Sie beginnen können?
  • Was geben Sie weiter, an wen, und auf welchem Weg?
  • Was passiert, wenn etwas fehlt oder fehlerhaft ist?
  • Wie oft kommt das vor, und wie lange dauert es?
  • Worauf warten Sie, und wie lange?
  • Was machen Sie, wenn das System nicht funktioniert?
  • Was würden Sie als Erstes ändern, wenn Sie könnten?

Die Frage nach Ausnahmen und Umgehungen ist besonders ergiebig. Viele Prozesse funktionieren im Alltag nur, weil Mitarbeitende Lücken mit inoffiziellen Hilfsmitteln schliessen, etwa privaten Tabellen oder Nachrichten an Kollegen. Diese Umgehungen sind wichtige Hinweise auf Schwachstellen und auf Anforderungen an neue Lösungen.

Vom Workshop zum BPMN-Modell

Nach dem Workshop überträgt die modellierende Person die Ergebnisse in ein BPMN-Diagramm. Dabei gelten die Modellierungsregeln, etwa von links nach rechts, höchstens 9 bis 15 Aktivitäten pro Diagramm, eine entscheidende Tätigkeit vor jedem exklusiven Gateway und ein Endereignis für jeden Zweig [2]. Werden mehr Tätigkeiten gesammelt, ist das ein Hinweis, Unterprozesse zu bilden. Die Notation folgt dem Standard ISO/IEC 19510, sodass das Modell in jedem standardkonformen Werkzeug weiterbearbeitet werden kann [3]. Welche Symbole dafür nötig sind, zeigt der Beitrag BPMN-Symbole und Gateways.

Wie wird das Modell validiert?

Das erste Modell enthält fast immer Fehler und Lücken. Es wird deshalb mit den Beteiligten durchgegangen, idealerweise in einem kurzen Termin von einer Stunde, in dem die moderierende Person den Ablauf Schritt für Schritt erklärt und nach Abweichungen fragt. Bewährt hat sich zudem, das Modell an einem konkreten Fall durchzuspielen: Ein tatsächlicher Auftrag oder Antrag der letzten Woche wird entlang des Diagramms verfolgt. Stimmt der Fall nicht mit dem Modell überein, fehlt ein Schritt oder eine Variante. Erst nach dieser Validierung gilt die Aufnahme als abgeschlossen.

Typische Fehler bei der Prozessaufnahme

Fehler und Gegenmittel
FehlerFolgeGegenmittel
Keine AbgrenzungAufnahme ufert ausSteckbrief vor dem Workshop
Soll statt Ist aufnehmenSchwachstellen bleiben verborgenausdrücklich nach dem heutigen Ablauf fragen
Nur Führungskräfte im Workshopidealisierter Ablaufausführende Mitarbeitende beteiligen
Direkt in BPMN zeichnenDiskussion über Notation statt InhaltKarten im Workshop, BPMN danach
Keine ValidierungModell enthält FehlerModell an konkretem Fall durchspielen

Was folgt nach der Aufnahme?

Mit dem validierten Ist-Modell beginnt die Analyse: Wo entstehen Wartezeiten, wo Doppelarbeit, wo Medienbrüche? Wie aus dem Ist ein verbesserter Soll-Prozess entsteht, beschreibt der Beitrag Ist-Soll-Analyse. Wie Prozesse dauerhaft dokumentiert werden, zeigt der Beitrag Prozessdokumentation für KMU. Methodische Parallelen zur Erhebung von Anforderungen beschreibt der Beitrag Anforderungen erheben. Den Gesamtzusammenhang zeigt der Leitfaden BPMN 2.0 und Prozessmanagement.

Prozessaufnahme mit verteilten Teams

Viele Aufnahme-Workshops finden heute online statt. Digitale Whiteboards ersetzen Karten an der Wand und haben sogar Vorteile: Alle können gleichzeitig schreiben, Ergebnisse sind sofort gespeichert, und Teilnehmende an verschiedenen Standorten sind gleichberechtigt. Wichtig ist eine gute Vorbereitung mit einer vorbereiteten Fläche, auf der Start, Ende und Lanes bereits angelegt sind, sowie eine straffe Moderation mit kürzeren Blöcken als vor Ort. Eine stille Sammelphase, in der alle ihre Tätigkeiten notieren, funktioniert online besonders gut und verhindert, dass einzelne Personen dominieren.

Ergänzend zum Workshop lassen sich Systemdaten auswerten, etwa Zeitstempel aus Ticket-, Projekt- oder Buchhaltungssystemen. Sie zeigen, wie lange Fälle tatsächlich dauern, wo sie liegen bleiben und welche Varianten häufig vorkommen. Solche Daten sind besonders wertvoll, wenn die Beteiligten im Workshop unterschiedliche Einschätzungen äussern: Sie ersetzen Vermutungen durch Fakten und liefern zugleich die Ausgangswerte für die spätere Ist-Soll-Analyse.

Unabhängig vom Format gilt: Eine gute Aufnahme ist kurz vorbereitet, straff moderiert und endet mit klaren nächsten Schritten. Wer diese drei Punkte beachtet, erhält in wenigen Stunden ein belastbares Bild des Ist-Prozesses, das als Grundlage für Analyse, Verbesserung und Dokumentation dient.

Welche Rollen braucht ein Aufnahme-Workshop?

Ein Aufnahme-Workshop braucht eine moderierende Person, die den Ablauf steuert, Fragen stellt und auf die Abgrenzung achtet, eine Person, die Ergebnisse festhält und später modelliert, sowie die Prozessbeteiligten selbst. Idealerweise ist die moderierende Person neutral und nicht selbst am Prozess beteiligt; so kann sie unbequeme Fragen stellen, ohne Partei zu sein. Der Prozesseigner sollte zumindest zu Beginn und am Ende anwesend sein, um Ziel und Abgrenzung zu bestätigen und offene Entscheidungen zu treffen. Bei kleinen Organisationen übernimmt oft eine Person Moderation und Modellierung; dann lohnt es sich, die Ergebnisse während des Workshops sichtbar mitzuschreiben.

Diese Rollenteilung hilft, die Ergebnisse vollständig und zuverlässig festzuhalten.

Nach dem Workshop werden die Ergebnisse innerhalb weniger Tage modelliert und an die Teilnehmenden verschickt, solange die Erinnerung frisch ist und Rückfragen noch leicht beantwortet werden können.

Häufige Fragen

Wie nimmt man einen Prozess auf?

Zuerst wird der Prozess abgegrenzt mit Start, Ende, Ergebnis und Beteiligten. Danach wird der Ablauf in Workshops, Interviews, durch Beobachtung oder Dokumentenanalyse erhoben, in ein Modell übertragen und mit den Beteiligten an einem konkreten Fall validiert.

Wie läuft ein Prozessworkshop ab?

Nach Einstieg und Abgrenzung schreiben die Beteiligten ihre Tätigkeiten auf Karten, ordnen sie in Reihenfolge und Rollenbahnen, ergänzen Entscheidungen, Varianten und Schnittstellen und markieren Probleme. Das BPMN-Diagramm erstellt die moderierende Person danach, nicht im Workshop selbst.

Wer sollte an der Prozessaufnahme teilnehmen?

Teilnehmen sollten die Personen, die den Prozess tatsächlich ausführen, ergänzt um den Prozesseigner und Vertreter wichtiger Schnittstellen. Ein Workshop nur mit Führungskräften liefert oft einen idealisierten Ablauf, der nicht der Realität entspricht.

Wie lange dauert eine Prozessaufnahme?

Ein überschaubarer Prozess lässt sich oft in einem Workshop von etwa zwei Stunden aufnehmen, ergänzt um Vorbereitung, Modellierung und einen Validierungstermin von etwa einer Stunde. Komplexe Prozesse mit vielen Varianten brauchen mehrere Termine und zusätzliche Interviews oder Beobachtungen.

Quellen

  1. [1]CPRE Foundation Level Syllabus, Version 3.2.0 vom 26. Februar 2024 — International Requirements Engineering Board (IREB) e.V.. Abgerufen am 1. November 2026 · Primärquelle
  2. [2]eCH-0158 BPMN-Modellierungskonventionen für die öffentliche Verwaltung, Version 1.2 (genehmigt 2020-06-05) — Verein eCH. Abgerufen am 1. November 2026 · Primärquelle
  3. [3]ISO/IEC 19510:2013 Information technology — Object Management Group Business Process Model and Notation — International Organization for Standardization (ISO). Abgerufen am 1. November 2026 · Primärquelle

Änderungen an diesem Artikel

  • 31. Oktober 2026: Erstveröffentlichung. Grundlagen nach ISO/IEC 19510:2013 (BPMN 2.0.1), eCH-0158 V1.2 und Keller/Nüttgens/Scheer (1992).

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