Psychologie im Projekt
Goodharts Gesetz: Wenn eine Kennzahl zum Ziel wird, taugt sie nicht mehr
Für: Projektleiter, PMO und Geschäftsleitungen, die Teams über Kennzahlen steuern.
Kurz erklärt
Goodharts Gesetz, benannt nach dem Ökonomen Charles Goodhart (1975), lautet in der verbreiteten Form: «Wenn eine Kennzahl zum Ziel wird, hört sie auf, eine gute Kennzahl zu sein.» Menschen optimieren, was gemessen und belohnt wird — auch auf Kosten dessen, was die Zahl eigentlich anzeigen sollte. Gegenmittel: mehrere Kennzahlen zusammen betrachten, Kennzahlen für Gespräche statt für Belohnungen nutzen.
Das Team soll die Velocity steigern — und siehe da, die Story Points pro Sprint steigen. Die gelieferte Funktionalität nicht. Niemand hat betrogen; die Schätzungen sind einfach grösser geworden. Goodharts Gesetz beschreibt, warum jede Kennzahl, an der man Menschen misst, sich verändert — meistens anders als gedacht.
Der Effekt
Charles Goodhart beobachtete 1975 bei der Geldpolitik, dass statistische Zusammenhänge zusammenbrechen, sobald die Notenbank sie als Steuerungsgrösse nutzt. Die heute bekannte Formulierung stammt von der Anthropologin Marilyn Strathern (1997). Der Mechanismus ist allgemein: Wer an einer Zahl gemessen wird, findet Wege, die Zahl zu bewegen — und die einfachsten Wege verbessern selten das dahinterliegende Ergebnis.
Im Projekt
- Velocity als Ziel: Schätzungen werden grösser, die Leistung bleibt gleich
- Auslastung als Ziel: Alle sind zu 100 % verplant, nichts wird schneller fertig
- Anzahl erledigter Aufgaben: grosse Aufgaben werden in viele kleine zerlegt
- Termintreue als Ziel: Termine werden grosszügiger geplant
- Verrechenbarkeit als Ziel: interne Arbeit wird auf Kundenprojekte gebucht
Was hilft
- Kennzahlen paarweise lesen: Tempo mit Qualität, Auslastung mit Durchlaufzeit
- Kennzahlen als Anlass für Fragen nutzen, nicht als Grundlage für Boni
- Ergebnisse messen, wo möglich — nicht Aktivitäten
- Kennzahlen regelmässig wechseln oder überprüfen, bevor sie optimiert werden
- Transparent machen, wozu eine Zahl dient, damit niemand sie schützen muss
Häufige Fragen
Soll man dann gar keine Kennzahlen verwenden?
Doch — aber als Instrument zum Verstehen, nicht als Ziel an sich. Eine Auslastung von 95 % ist ein Anlass für ein Gespräch über Überlastung, nicht eine Leistung, die man feiert.
Welche Projektkennzahlen sind robust?
Solche, die nahe am Ergebnis liegen und schwer zu verbiegen sind: Durchlaufzeit bis zur Abnahme, Soll-Ist-Kosten pro abgenommenem Paket, Anteil Nacharbeit. Sie lassen sich nur verbessern, indem man tatsächlich besser wird.
Was ist der Unterschied zu Campbells Gesetz?
Donald Campbell (1976) formulierte dasselbe für gesellschaftliche Indikatoren und betonte, dass sie auch die Prozesse verzerren, die sie messen sollen. Beide Gesetze beschreiben dieselbe Dynamik.
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