Psychologie im Projekt
Verfügbarkeitsheuristik: Was gerade präsent ist, wirkt wichtig
Für: Projektleiter, Product Owner und alle, die priorisieren und Risiken bewerten.
Kurz erklärt
Die Verfügbarkeitsheuristik (Tversky & Kahneman, 1973) ist die Neigung, ein Ereignis für wahrscheinlicher zu halten, je leichter Beispiele dafür ins Gedächtnis kommen. Kürzliche, dramatische oder persönlich erlebte Fälle wirken überproportional. Im Projekt verzerrt sie Risikobewertung, Priorisierung und Anforderungserhebung — Gegenmittel sind Daten aus dem System statt Erinnerung.
Nach dem Datenverlust bei einem Kunden steht Backup ganz oben im Risikoregister — jahrelang. Der Lieferant, der einmal zu spät war, gilt als unzuverlässig, obwohl er 19 von 20 Mal pünktlich lieferte. Was uns leicht einfällt, halten wir für häufig. Das Gedächtnis ist keine Statistik.
Der Effekt
Tversky und Kahneman zeigten, dass Menschen die Häufigkeit von Ereignissen danach beurteilen, wie schnell Beispiele abrufbar sind. Abrufbarkeit hängt aber von Aktualität, Emotionalität und persönlicher Erfahrung ab — nicht von Häufigkeit. Flugzeugabstürze wirken gefährlicher als Autofahrten; das letzte Projekt wirkt typischer als die zehn davor.
Im Projekt
- Risikoregister spiegelt die letzten Vorfälle, nicht die wahrscheinlichsten
- Der Stakeholder, der zuletzt anrief, bekommt die höchste Priorität
- Anforderungen werden aus den lautesten Beschwerden abgeleitet, nicht aus den häufigsten
- Schätzungen orientieren sich am letzten Projekt — gut oder schlecht
Was hilft
- Basisraten aus dem System: Wie oft war der Lieferant zu spät? Wie oft trat das Risiko ein? Die Zeiterfassung und die Projekthistorie beantworten das — die Erinnerung nicht.
- Priorisierung mit Kriterien (Nutzen, Aufwand, Betroffene), nicht mit Lautstärke
- Risiken quantifizieren: Wahrscheinlichkeit als Zahl zwingt zur Frage «woher weiss ich das?»
- Bei Anforderungen: Wie viele Nutzer betrifft es? Zählen, nicht schätzen.
Häufige Fragen
Ist die Heuristik nicht oft richtig?
Als Faustregel im Alltag ja — sie ist schnell. Bei Entscheidungen mit Budget dahinter lohnt sich der Blick in die Daten, weil die Verzerrung dort systematisch teuer wird.
Wie bekomme ich Basisraten in einem kleinen Unternehmen?
Aus der eigenen Projekthistorie: Soll-Ist je Projekt, eingetretene Risiken, Lieferantentreue. Fünf Projekte reichen für eine bessere Schätzung als das Bauchgefühl.
Was tun, wenn der Chef nach dem letzten Vorfall entscheidet?
Den Vorfall in Relation setzen: «Das ist einmal in 20 Projekten passiert — hier ist die Liste.» Zahlen entkräften Erinnerungen, Argumente nicht.
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