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Psychologie im Projekt

Dunning-Kruger-Effekt: Warum Anfänger sich sicher sind und Experten zweifeln

Für: Projektleiter, die Schätzungen einholen, und Teams, in denen die Lautesten nicht die Erfahrensten sind.

Kurz erklärt

Der Dunning-Kruger-Effekt (1999) beschreibt, dass Menschen mit geringer Kompetenz in einem Gebiet ihre Leistung überschätzen, weil ihnen das Wissen fehlt, ihre Lücken zu erkennen — während Kompetente dazu neigen, sich zu unterschätzen. Im Projekt zeigt er sich in selbstsicheren Schätzungen ohne Erfahrung. Gegenmittel: Schätzungen von denen, die die Arbeit machen; Referenzwerte statt Bauchgefühl; Fragen statt Behauptungen.

«Das ist in zwei Tagen gemacht» sagt selten der, der es dann macht. Die selbstsicherste Schätzung im Raum kommt oft von der Person mit dem geringsten Einblick — nicht aus Arroganz, sondern weil Unwissen die eigenen Lücken unsichtbar macht. Wer das kennt, hört anders zu.

Der Effekt

David Dunning und Justin Kruger zeigten 1999, dass Teilnehmende im untersten Leistungsviertel ihre Leistung massiv überschätzten — sie hielten sich für überdurchschnittlich. Die Erklärung: Dieselben Fähigkeiten, die man braucht, um eine Aufgabe gut zu lösen, braucht man, um zu erkennen, ob man sie gut gelöst hat. Neuere Analysen relativieren die Grösse des Effekts (ein Teil ist statistische Regression zur Mitte), aber der Kern bleibt: Selbsteinschätzung und Kompetenz hängen lockerer zusammen, als es sich anfühlt.

Im Projekt

  • Ein Stakeholder ohne Fachwissen nennt Aufwände, die das Team dann verteidigen muss
  • Ein Junior schätzt eine Aufgabe auf einen Tag, weil er die Fallstricke nicht kennt, die der Senior sieht
  • Der Senior nennt drei Tage und wirkt damit unsicher — die Ein-Tages-Schätzung setzt sich durch
  • Nach dem Projekt: «Hätte man doch wissen müssen» — von denen, die es nicht wussten

Was hilft

  • Schätzen lassen, wer die Arbeit macht — nicht, wer sie beauftragt
  • Dreipunktschätzung (PERT): Der pessimistische Wert zwingt zur Frage «Was könnte ich übersehen?»
  • Referenzklassen: Wie lange haben vergleichbare Aufgaben tatsächlich gedauert? Die Zeiterfassung weiss es
  • Fragen statt Zahlen: «Welche Schritte sind nötig?» entlarvt eine Schätzung ohne Grundlage schneller als jede Diskussion
  • Selbst prüfen: Wenn eine Sache einfach wirkt, die man noch nie gemacht hat, ist das ein Signal — nicht eine Erkenntnis

Häufige Fragen

Ist der Effekt nicht widerlegt?

Die Grösse ist umstritten, der Mechanismus nicht: Wer wenig weiss, kann seine Lücken schlecht sehen. Für die Praxis reicht das — Schätzungen brauchen Grundlage, nicht Selbstsicherheit.

Wie sage ich einem Stakeholder, dass seine Schätzung unrealistisch ist?

Nicht mit «Sie unterschätzen das», sondern mit Daten: «Die letzten drei ähnlichen Aufgaben haben 6, 8 und 11 Tage gebraucht.» Zahlen sind weniger persönlich als Meinungen.

Betrifft das auch mich als Projektleiter?

Vor allem. Wer viele Projekte gesehen hat, hält sich in jedem Fachgebiet für halbwegs kompetent. Die Frage «Woher weiss ich das eigentlich?» hilft.

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