Psychologie im Projekt
Mitläufereffekt (Bandwagon): Wenn alle es tun, scheint es richtig
Für: Geschäftsleitungen, Projektleiter und Teams, die Methoden, Tools oder Strategien auswählen.
Kurz erklärt
Der Mitläufereffekt beschreibt die Neigung, Meinungen oder Verhaltensweisen zu übernehmen, weil viele andere sie teilen. Die Experimente von Solomon Asch (1951) zeigten, wie stark Gruppendruck selbst bei eindeutigen Aufgaben wirkt. Im Projekt äussert sich der Effekt, wenn Methoden, Tools oder Trends eingeführt werden, weil «alle es machen» – nicht weil sie zum eigenen Problem passen.
«Alle grossen Firmen arbeiten jetzt mit OKR.» «Die Konkurrenz nutzt dieses Tool.» Solche Argumente sind verbreitet und wirken überzeugend – obwohl sie nichts darüber sagen, ob die Lösung zum eigenen Problem passt. Der Mitläufereffekt erklärt, warum sie trotzdem so oft entscheiden.
Was die Forschung zeigt
In Solomon Aschs Konformitätsexperimenten sollten Versuchspersonen die Länge von Linien vergleichen – eine einfache Aufgabe. Gaben eingeweihte Mitspieler vorher übereinstimmend falsche Antworten, schloss sich ein erheblicher Teil der Versuchspersonen mindestens einmal der falschen Mehrheit an. Der Effekt nahm deutlich ab, sobald nur eine weitere Person widersprach.
Wo der Effekt im Projekt wirkt
Typische Situationen:
- Einführung von Methoden, weil sie gerade populär sind
- Tool-Wahl nach Verbreitung statt nach Anforderungen
- Schätzungen, die sich nach der ersten genannten Zahl richten
- Abstimmungen, in denen sich die Mehrheit früh abzeichnet und Zweifler schweigen
Eigenständig entscheiden
Hilfreich ist, zuerst das eigene Problem und die Anforderungen zu beschreiben und erst dann Lösungen zu betrachten. In Gremien wirken unabhängige Einschätzungen vor der Diskussion – etwa schriftlich oder beim Planning Poker gleichzeitig aufgedeckt. Und eine einzelne Person mit begründetem Widerspruch kann den Effekt deutlich abschwächen; deshalb lohnt es sich, Widerspruch ausdrücklich einzuladen.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Mitläufereffekt und Gruppendenken?
Der Mitläufereffekt beschreibt das Übernehmen von Mehrheitsmeinungen allgemein. Gruppendenken ist ein spezifisches Muster in eng verbundenen Gruppen, die Harmonie über kritische Prüfung stellen.
Ist es falsch, sich an Best Practices zu orientieren?
Nein, aber Best Practices sollten auf das eigene Problem geprüft werden. Dass eine Methode verbreitet ist, sagt noch nichts darüber, ob sie im eigenen Kontext funktioniert.
Wie hilft Planning Poker gegen den Effekt?
Weil alle ihre Schätzung gleichzeitig aufdecken. So beeinflusst die erste genannte Zahl die anderen nicht.
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