Psychologie im Projekt
Rückschaufehler: Hinterher wusste es jeder
Für: Alle, die Retrospektiven, Projektreviews oder Fehleranalysen moderieren.
Kurz erklärt
Der Rückschaufehler (Fischhoff, 1975) ist die Tendenz, nach dem Eintreten eines Ereignisses zu glauben, man hätte es vorhersehen können. In Projekten macht er Lessons Learned zu Schuldzuweisungen und verhindert, dass Teams aus Entscheidungen lernen — weil nur das Ergebnis bewertet wird, nicht die Entscheidung mit dem damaligen Wissen.
Nach dem gescheiterten Projekt ist der Grund offensichtlich: Der Lieferant war unzuverlässig, das hätte man sehen müssen. Vor dem Projekt war derselbe Lieferant die vernünftige Wahl mit den besten Referenzen. Beides stimmt — und nur wer das aushält, lernt etwas.
Der Effekt
Baruch Fischhoff zeigte 1975, dass Menschen nach Bekanntgabe eines Ergebnisses dessen Wahrscheinlichkeit rückwirkend höher einschätzen — und überzeugt sind, sie hätten es auch vorher so gesehen. Das Gedächtnis überschreibt die frühere Unsicherheit. Deshalb wirken Fehlentscheidungen im Nachhinein dumm und richtige Entscheidungen selbstverständlich.
Im Projekt
- Lessons Learned wird zur Suche nach dem, der es «hätte sehen müssen»
- Gute Entscheidungen mit schlechtem Ausgang gelten als Fehler; schlechte mit gutem Ausgang als Kompetenz
- Risiken, die nicht eingetreten sind, gelten rückblickend als übertrieben — und werden beim nächsten Mal weggelassen
- Schätzungen werden im Rückblick als «offensichtlich zu knapp» erinnert, aber beim nächsten Mal wieder so gemacht
Was hilft
- Entscheidungsprotokoll: Beim Entscheiden festhalten, was man wusste, welche Optionen es gab, warum man sich so entschied. Das ist der einzige Schutz gegen das Überschreiben durch das Gedächtnis.
- Entscheidung und Ergebnis getrennt bewerten: War die Entscheidung mit dem damaligen Wissen vernünftig? Das Ergebnis sagt darüber wenig.
- In der Retrospektive nach Prozessen fragen, nicht nach Personen: «Welche Information fehlte uns?» statt «Wer hat das übersehen?»
- Risiken, die nicht eingetreten sind, im Register belassen — sie waren real.
Häufige Fragen
Wie führe ich ein Entscheidungsprotokoll ohne Bürokratie?
Fünf Zeilen an der Aufgabe oder im Projekt: Entscheidung, Datum, Optionen, Grund, was wir nicht wussten. In Flenio als Kommentar oder Entscheidungs-Feld am Projekt — auffindbar, nicht in einer Mailbox.
Ist der Rückschaufehler nicht nützlich, um Muster zu erkennen?
Muster erkennt man aus mehreren Projekten, nicht aus einem. Der Fehler liegt darin, aus einem Einzelfall eine vermeintlich offensichtliche Regel zu machen — und beim nächsten Einzelfall die Gegenregel.
Was ist mit echten Fehlern?
Die gibt es: Information war da und wurde ignoriert. Das Entscheidungsprotokoll unterscheidet genau das — und macht den Unterschied zwischen Pech und Nachlässigkeit sichtbar, statt beides gleich zu behandeln.
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