Psychologie im Projekt
Vogel-Strauss-Effekt: Warum unangenehme Zahlen nicht angeschaut werden
Für: Projektleiter, Auftraggeber und Controller, die Probleme früh erkennen wollen.
Kurz erklärt
Der Vogel-Strauss-Effekt beschreibt die Neigung, Informationen zu meiden, von denen man schlechte Nachrichten erwartet. Karlsson, Loewenstein und Seppi zeigten 2009, dass Anleger ihre Depots bei fallenden Märkten seltener ansehen. Im Projekt äussert sich der Effekt, wenn Budgetauswertungen, Risikoregister oder kritische Kennzahlen gerade dann nicht angeschaut werden, wenn sie am wichtigsten wären.
Wer befürchtet, dass das Budget überschritten ist, öffnet die Auswertung ungern. Wer ahnt, dass ein Meilenstein nicht hält, verschiebt das Gespräch. Der Vogel-Strauss-Effekt ist menschlich – und gefährlich, weil er Probleme genau in der Phase verdeckt, in der sie noch lösbar wären.
Was die Forschung zeigt
Niklas Karlsson, George Loewenstein und Duane Seppi untersuchten Daten von Anlegern und fanden, dass diese ihre Konten bei steigenden Märkten häufiger und bei fallenden seltener abriefen. Der Begriff «Ostrich Effect» wurde zuvor von Dan Galai und Orly Sade (2006) verwendet. Die Erklärung: Informationen haben nicht nur einen sachlichen, sondern auch einen emotionalen Wert – und schlechte Nachrichten schmerzen.
Im Projekt
Typische Anzeichen:
- Budgetauswertungen werden seltener angeschaut, wenn es schlecht läuft
- Das Risikoregister wird nach dem Kick-off nicht mehr geöffnet
- Gespräche mit unzufriedenen Kunden werden aufgeschoben
- Kritische Testergebnisse werden «später» analysiert
Informationen automatisch sichtbar machen
Gegen den Effekt hilft, Informationen nicht vom Willen abhängig zu machen: feste Termine für Budget- und Risikoreviews, Dashboards, die Abweichungen automatisch zeigen, und Schwellen, die eine Eskalation auslösen. Ebenso wichtig ist eine Kultur, in der schlechte Nachrichten früh willkommen sind – wer dafür kritisiert wird, schaut beim nächsten Mal noch weniger hin.
Häufige Fragen
Was ist der Vogel-Strauss-Effekt?
Die Neigung, Informationen zu meiden, die schlechte Nachrichten erwarten lassen – wie der sprichwörtliche Strauss, der den Kopf in den Sand steckt.
Wie zeigt sich der Effekt in Statusberichten?
Kritische Kennzahlen werden weggelassen oder nicht aktualisiert, Abweichungen werden erst spät berichtet. Das verwandte Muster heisst «grüner Bericht».
Was hilft gegen den Effekt?
Feste Review-Termine, automatisch aktualisierte Kennzahlen, vorab definierte Eskalationsschwellen und eine Kultur, in der frühe schlechte Nachrichten geschätzt werden.
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