Psychologie im Projekt
Brooks’sches Gesetz: Warum mehr Leute ein verspätetes Projekt noch später machen
Für: Projektleiter und Geschäftsführer, die bei Verzug reflexartig «mehr Leute» fordern.
Kurz erklärt
Das Brooks’sche Gesetz (Fred Brooks, «The Mythical Man-Month», 1975) besagt: Zusätzliches Personal macht ein verspätetes Projekt noch später. Gründe sind die Einarbeitung, die erfahrene Leute bindet, und die wachsende Zahl an Kommunikationswegen — bei n Personen n × (n − 1) ÷ 2. Alternativen sind Umfang reduzieren, Termin verschieben oder Arbeit so zuschneiden, dass sie unabhängig erledigt werden kann.
Das Projekt ist drei Wochen hinter Plan, also kommen zwei neue Leute dazu. Einen Monat später ist es fünf Wochen hinter Plan. Das ist kein Pech, sondern ein Muster, das Fred Brooks bei IBM beobachtete und das seither in fast jedem Projektteam wiederentdeckt wird. Wer es kennt, greift bei Verzug zu anderen Hebeln.
Der Effekt
Brooks leitete das Gesetz aus der Entwicklung des Betriebssystems OS/360 ab. Zwei Mechanismen: Erstens brauchen neue Teammitglieder Einarbeitung, und die leisten die erfahrensten Leute — die in dieser Zeit selbst weniger schaffen. Zweitens wächst der Abstimmungsaufwand schneller als das Team: Vier Personen haben sechs Kommunikationswege, acht Personen schon 28. Arbeit, die sich nicht aufteilen lässt, wird durch mehr Köpfe nicht schneller. Brooks’ Bild dafür: Neun Frauen bekommen kein Kind in einem Monat.
Im Projekt
- Zwei Externe kommen spät ins Projekt; der Senior verbringt seine Wochen mit Erklären statt Liefern
- Das Statusmeeting wächst von fünf auf zwölf Personen und dauert doppelt so lang
- Aufgaben werden künstlich aufgeteilt, damit alle etwas zu tun haben — die Integration wird zum neuen Engpass
- Neue Leute machen Fehler, die erfahrene später korrigieren müssen
Was hilft
- Umfang reduzieren: Was muss zum Termin da sein, was kann in eine zweite Etappe?
- Termin ehrlich verschieben, solange das noch eine Entscheidung und keine Feststellung ist
- Wenn Verstärkung, dann früh — und für klar abgegrenzte, unabhängige Pakete
- Erfahrene entlasten statt ergänzen: Administration, Tests, Dokumentation abnehmen
- Kapazität vorher planen: Die Auslastung zeigt Engpässe, bevor sie zu Verzug werden
Häufige Fragen
Gilt das Gesetz nur für Software?
Es gilt überall, wo Arbeit Wissen und Abstimmung erfordert: Planung, Beratung, Konzeptarbeit. Weniger bei gut teilbarer Routinearbeit, bei der neue Leute schnell produktiv sind.
Hilft zusätzliches Personal nie?
Doch — wenn es früh kommt, die Aufgaben unabhängig sind und die Einarbeitung kurz ist. Brooks selbst nannte das Gesetz später eine «ungeheuerliche Vereinfachung», die aber in der Richtung stimmt.
Wie argumentiere ich gegenüber der Geschäftsleitung?
Mit Zahlen: Einarbeitungszeit der Neuen, gebundene Stunden der Erfahrenen, Kommunikationswege. Und mit Alternativen — «nicht mehr Leute» überzeugt nur mit einem Vorschlag, was stattdessen.
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