Psychologie im Projekt
Not-invented-here-Syndrom: Warum Teams fremde Lösungen ablehnen
Für: Projektleiter, Teamleads und Entscheider bei Make-or-Buy-Fragen und Methodeneinführungen.
Kurz erklärt
Das Not-invented-here-Syndrom (NIH) ist die Neigung, Ideen, Methoden oder Lösungen abzulehnen, weil sie von aussen kommen. Ralph Katz und Thomas Allen zeigten 1982 in Forschungsteams, dass Gruppen mit langer stabiler Zusammensetzung weniger externe Kommunikation pflegten und schlechter abschnitten. Folgen im Projekt: Eigenentwicklungen statt Standardlösungen, ignorierte Best Practices, höhere Kosten.
«Das passt nicht zu uns» ist manchmal eine fundierte Analyse und manchmal ein Reflex. Das Not-invented-here-Syndrom beschreibt den Reflex: Was von aussen kommt, wird kritischer geprüft als das Eigene, und am Ende wird neu gebaut, was es längst gibt. Wer den Unterschied zwischen Analyse und Reflex kennt, spart Zeit und Geld.
Der Effekt
Ralph Katz und Thomas Allen untersuchten 1982 rund 50 Forschungs- und Entwicklungsteams. Teams, deren Mitglieder lange zusammengearbeitet hatten, kommunizierten weniger mit Kollegen ausserhalb und mit externen Fachleuten — und ihre Leistung sank. Sie verliessen sich zunehmend auf eigenes Wissen. Das Muster ist heute in Unternehmen verbreitet bekannt: Eigenes gilt als passender, sicherer und besser verstanden, Fremdes als riskant.
Im Projekt
- Eine Standardsoftware wird abgelehnt, weil «unsere Prozesse speziell sind»
- Bewährte Methoden (HERMES, Scrum) werden «angepasst», bis ihr Nutzen verschwindet
- Vorlagen und Checklisten anderer Teams werden neu geschrieben statt übernommen
- Externe Beratung wird geholt und ihre Empfehlungen werden nicht umgesetzt
Was hilft
- Make-or-Buy mit vorab festgelegten Kriterien entscheiden (Kosten, Zeit, Risiko, Wartung)
- Die Frage umdrehen: «Was genau ist bei uns so anders, dass der Standard nicht reicht?»
- Externe Lösungen vom Team ausprobieren lassen, bevor entschieden wird
- Anpassungen erlauben, wo sie nötig sind — damit die Lösung auch ein wenig die eigene wird
- Externe Perspektiven regelmässig ins Team holen: Austausch, Rotation, Communitys
Häufige Fragen
Ist Eigenentwicklung nie besser?
Doch — wenn sie ein echtes Unterscheidungsmerkmal ist. Für alles, was nicht das Kerngeschäft ausmacht, sind Standardlösungen meist günstiger und besser gewartet.
Wie hängt NIH mit dem IKEA-Effekt zusammen?
Der IKEA-Effekt erhöht den Wert des Eigenen, NIH senkt den Wert des Fremden. Beide zusammen machen Ablösungen besonders schwer.
Wie führe ich eine externe Methode ein, ohne Widerstand zu erzeugen?
Mit einem Pilot, bei dem das Team die Methode erlebt und selbst entscheidet, was angepasst wird. Beteiligung verwandelt Fremdes in Eigenes.
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