Was regelt SIA 103?
SIA 103 ist die Ordnung für Leistungen und Honorare der Bauingenieurinnen und Bauingenieure. Sie gehört wie SIA 102, 105 und 108 zu den Leistungsordnungen, die 2014 revidiert wurden und deren allgemeine Bestimmungen dabei vereinheitlicht wurden.[1] Die KBOB zitiert heute die Ausgabe SIA 103:2020.[2] Wie die anderen Ordnungen ist sie ein privates Regelwerk und gilt, wenn sie im Vertrag vereinbart wird.
Inhaltlich ist SIA 103 breiter als oft angenommen. Sie umfasst nicht nur die Statik eines Gebäudes, sondern die Leistungen der Bauingenieure in Hochbau, Tiefbau, Verkehrswegebau, Wasserbau und weiteren Infrastrukturbereichen. Entsprechend unterschiedlich ist die Rolle: Im Hochbau sind Bauingenieure meist Fachplanende in einem von der Architektur geführten Team, im Tiefbau oft die Gesamtverantwortlichen eines Projekts.
Worin unterscheiden sich Hochbau und Tiefbau?
| Merkmal | Hochbau | Tiefbau und Infrastruktur |
|---|---|---|
| Führung des Planungsteams | Meist Architektur | Häufig Bauingenieure |
| Kernleistungen | Tragwerkskonzept, Bemessung, Ausführungspläne des Tragwerks | Projektierung des Bauwerks, Linienführung, Bauverfahren, Bauleitung |
| Koordination | Mit Architektur und Gebäudetechnik | Mit Behörden, Werkleitungseigentümern und Verkehrsträgern |
| Typische Bauherrschaften | Private, Immobilienentwickler, öffentliche Hand | Bund, Kantone, Gemeinden, Werke |
Die Tabelle beschreibt typische Konstellationen, keine Regel. Bei grossen Infrastrukturprojekten treten Bauingenieurbüros auch als Generalplaner auf und koordinieren Fachplanende anderer Disziplinen.
Leistungen nach Teilphase
Wie alle Leistungsordnungen folgt SIA 103 dem chronologischen Ablauf nach SIA 112 und beschreibt die Leistungen je Teilphase.[4] Die folgende Übersicht zeigt typische Schwerpunkte der Bauingenieurarbeit; der verbindliche Umfang steht in der Norm und im Vertrag:
| Teilphase | Schwerpunkt |
|---|---|
| 31 Vorprojekt | Tragwerks- oder Bauwerkskonzept, Varianten, erste Bemessung, Grobkosten |
| 32 Bauprojekt | Bemessung, Projektpläne, technische Berichte, Kostenvoranschlag |
| 33 Bewilligungsverfahren | Technische Unterlagen für Bewilligungen und Plangenehmigungen |
| 41 Ausschreibung | Leistungsverzeichnisse für Baumeister- und Spezialtiefbauarbeiten, Offertprüfung |
| 51 Ausführungsprojekt | Ausführungspläne, Bewehrungs- und Schalungspläne, Bauverfahren |
| 52 Ausführung | Bauleitung oder Fachbauleitung, Kontrollen, Ausmass |
| 53 Inbetriebnahme, Abschluss | Abnahmen, Bauwerksdokumentation, Schlussabrechnung |
Im Hochbau liegt der Schwerpunkt auf dem Tragwerk; im Tiefbau umfasst die Projektierung das gesamte Bauwerk mit Bauverfahren, Etappierung und Verkehrsführung während der Bauzeit. Die Teilphasen selbst erklärt das Kapitel SIA 112.
Wie ist die Bauleitung im Ingenieurbau organisiert?
Gerade im Tiefbau ist die Bauleitung ein grosser Teil der Ingenieurleistung. Die KBOB ordnet für die Bauingenieure eigene Bauleitungsfunktionen den Qualifikationskategorien zu: Chefbauleiter und Oberbauleiter bei interdisziplinären Grossprojekten, Chefbauleiter und Oberbauleiter, Bauleiter sowie Hilfsbauleiter und Bauaufseher.[3] Diese Abstufung spiegelt die Praxis grosser Baustellen, auf denen mehrere Ebenen der Bauleitung zusammenarbeiten.
Für die Bauherrschaft ist entscheidend, die Verantwortlichkeiten klar zu verteilen: Wer führt die Oberbauleitung, wer die örtliche Bauleitung, wer prüft Ausmass und Rechnungen, wer nimmt ab? Unklare Schnittstellen zwischen Projektierung und Bauleitung sind eine häufige Ursache für Nachträge und Streitigkeiten.
Qualifikationskategorien für Bauingenieure
Bei Honorierung nach Zeitaufwand ordnet die KBOB auch für die Bauingenieure Funktionen den Kategorien A bis G zu. In der Projektierung reicht die Spanne vom Projektleiter interdisziplinärer Grossprojekte, Experten und Prüfingenieur über Chefingenieur, Projektleiter für komplexe Projekte und Fachkoordinator, leitenden Ingenieur für einfache Projekte und Ingenieur bis zu Technikern, Zeichner-Konstrukteuren und Zeichnern.[3]
| Funktion | Kategorien je nach Stufe |
|---|---|
| Projektleiter interdisziplinärer Grossprojekte, Experte, Prüfingenieur | A |
| Chefingenieur, Projektleiter komplexer Projekte, Fachkoordinator | A bis B |
| Leitender Ingenieur für einfache Projekte | B bis C |
| Ingenieur | C bis D |
| Techniker, Zeichner-Konstrukteur | D bis F |
| Zeichner | E bis G |
Die Zuordnung ist vereinfacht wiedergegeben. Massgebend ist die Funktion im Auftrag, nicht die Stellung in der Firma, und die Stufen 1 bis 3 berücksichtigen Ausbildung und Erfahrung.[3]
Honorierung von Ingenieurleistungen
Für die Honorierung gelten dieselben Grundsätze wie für die Architektur: Zeitaufwand, Festpreise als Pauschale oder Globale oder ein individuell vereinbartes Modell.[3] Im Wettbewerb ermittelt sich das Honorar aus dem Angebot mit dem Zuschlag; im freihändigen Verfahren wird es ausgehandelt.
Für das frühere Baukostenmodell wurden je Ordnung eigene Koeffizienten publiziert. Das Liechtensteiner Amt für Tiefbau und Geoinformation wendet für 2025 in Anlehnung an die bisherige SIA-Angabe die zuletzt 2018 publizierten z-Werte an; für den Ingenieurbau nach SIA 103 sind das Z1 = 0.075 und Z2 = 7.23, für die Architektur nach SIA 102 dagegen Z1 = 0.062 und Z2 = 10.58.[5] Die unterschiedlichen Werte spiegeln den anderen Zusammenhang zwischen Baukosten und Planungsaufwand im Ingenieurbau. Wie die Modelle funktionieren, beschreibt das Kapitel Honorarberechnung.
Koordination mit anderen Fachbereichen
Kaum ein Ingenieurbauwerk entsteht ohne Schnittstellen zu anderen Disziplinen. Im Hochbau muss das Tragwerk mit Architektur und Gebäudetechnik abgestimmt werden — Durchbrüche, Lasten, Installationszonen. Im Tiefbau kommen Werkleitungen, Geologie, Verkehr und Umwelt dazu. Die KBOB nennt den Fachkoordinator ausdrücklich als Funktion der Bauingenieure in den oberen Kategorien.[3]
- Schnittstellen früh in einer Schnittstellenliste festhalten: wer liefert was an wen, bis wann.
- Koordinationssitzungen nach Teilphasen planen, mit klaren Entscheidungspunkten.
- Planstände eindeutig versionieren; im BIM-Kontext Koordinationsmodelle verwenden.
- Änderungen einer Disziplin systematisch auf Folgen für die anderen prüfen.
Mit BIM verschiebt sich die Koordination zunehmend ins Modell. Die Grundlagen nach dem Rückzug des Merkblatts SIA 2051 beschreibt das Kapitel SIA 2051 und ISO 19650.
Besonderheiten im Tiefbau
Ein Beispiel für die Breite des Tiefbaus sind die Spezialkapitel des NPK: Für Rohrvortrieb gibt es ein eigenes Kapitel, das 1989 erstmals erschien und 2000 sowie 2020 neu aufgelegt wurde.[6] Solche Kapitel zeigen, wie stark sich Verfahren und Normen weiterentwickeln — und warum Ingenieurbüros bei Ausschreibungen auf die aktuelle Version achten müssen.
Tiefbauprojekte haben eigene Herausforderungen, die sich in der Projektorganisation niederschlagen. Bauen unter Verkehr verlangt Etappierungen und Provisorien, Werkleitungen müssen koordiniert, Anwohnende informiert und Behörden über lange Zeiträume einbezogen werden. Öffentliche Bauherren beschaffen die Leistungen meist im Wettbewerb und arbeiten mit Leistungsverzeichnissen nach NPK, deren Kapitel auch die Spezialgebiete des Tiefbaus abdecken — etwa Rohrvortrieb oder Spannsysteme.[6][7]
Für die Projektleitung heisst das: Termin- und Risikoplanung sind mindestens so wichtig wie die technische Lösung. Ein Bauprogramm mit realistischen Etappen, eine aktuelle Risikoliste und klare Kommunikationswege zu Behörden und Werken entscheiden über den Erfolg.
Ingenieurleistungen in frühen Phasen
Bauingenieure werden oft erst im Vorprojekt beigezogen, obwohl ihre Einschätzung schon in den Vorstudien viel bewirken kann. Baugrund, Grundwasser, bestehende Bausubstanz oder Werkleitungen entscheiden mit über die Machbarkeit eines Vorhabens und über die Kosten. Eine kurze Ingenieurbeurteilung in der Teilphase 21 kann Varianten ausschliessen, bevor in ihre Planung investiert wird. Weil diese Leistungen in den Leistungsordnungen nicht standardisiert sind, werden sie laut KBOB über spezifische Leistungsverzeichnisse beschrieben und meist nach Zeitaufwand honoriert.[3]
Welche Unterlagen übergeben Bauingenieure am Projektende?
Mit der Teilphase 53 endet das Projekt, nicht aber die Verantwortung für das Bauwerk. Für den späteren Unterhalt sind die Unterlagen der Bauingenieure besonders wichtig: die Tragwerksdokumentation, revidierte Pläne, Angaben zu Materialien und Lasten sowie Protokolle von Prüfungen und Abnahmen. Wer diese Unterlagen unvollständig übergibt, erschwert jeden späteren Umbau. Die Bauherrschaft sollte deshalb schon im Vertrag festlegen, welche Dokumentation sie in welcher Form erwartet — idealerweise auch digital, damit sie im Betrieb auffindbar bleibt.
Bauen im Bestand
Gerade im Bestand lohnt sich auch eine enge Abstimmung mit der Architektur über Eingriffstiefe und Etappierung.
Ein wachsender Teil der Ingenieurarbeit betrifft bestehende Bauwerke: Umbauten, Aufstockungen, Instandsetzungen, Ertüchtigungen. Hier beginnt die Arbeit mit der Zustandserfassung, und die Unsicherheiten sind grösser als im Neubau. Für den Vertrag heisst das: Untersuchungen und Sondierungen als eigene Leistungen vorsehen und Reserven für Unvorhergesehenes einplanen, statt sie später als Nachträge zu verhandeln.
SIA 103 in der Projektpraxis
- 1Rolle im Projekt klären: Fachplanung, Gesamtleitung oder Generalplanung?
- 2Beauftragte Teilphasen und besonders zu vereinbarende Leistungen im Vertrag auflisten.
- 3Bauleitungsebenen und Verantwortlichkeiten eindeutig festlegen.
- 4Qualifikationskategorien des Teams bei Zeitaufwandsverträgen vorab vereinbaren.
- 5Schnittstellen zu anderen Disziplinen in einer Liste führen.
- 6Bauwerksdokumentation für den späteren Unterhalt in Teilphase 53 vollständig übergeben.
Für Ingenieurbüros bietet Flenio eine eigene Branchenseite: Ingenieurbüros. Den Gesamtzusammenhang zeigt der SIA-Leitfaden.