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Kapitel im Leitfaden HERMES 2022

HERMES-Rollen: Auftraggeber, Projektleiter, Anwendervertreter und alle Standardrollen

Von Leutrim MiftarajHERMES 5.1 Foundation · PMP · IREB CPREStand: 23. Oktober 20267 Minuten Lesezeit

Kurz erklärt

HERMES 2022 kennt 16 Standardrollen auf den Hierarchieebenen Steuerung, Führung und Ausführung. In jedem Projekt Pflicht sind drei Rollen auf Anwenderseite: der Auftraggeber mit der Gesamtverantwortung, der Projektleiter, der das Projekt führt, und der Anwendervertreter, der die fachliche Lösung verantwortet. Weitere Rollen werden nach Bedarf besetzt.[1]

Das Wichtigste in Kürze

  • Jede Rolle gehört zu einer Hierarchieebene und zu einer oder mehreren Partnergruppen: Anwender, Ersteller, Betreiber.
  • Auftraggeber und Projektleiter dürfen nicht dieselbe Person sein.
  • Bei agilem Vorgehen greift der Projektleiter nicht in die Selbstorganisation der Umsetzungsorganisation ein.
  • Der Qualitäts- und Risikomanager berichtet direkt dem Auftraggeber und übernimmt keine weiteren Rollen im Projekt.

Wie ist das HERMES-Rollenmodell aufgebaut?

HERMES definiert ein Rollenmodell mit standardisierten Rollen, damit in der ganzen Organisation dasselbe Verständnis von Verantwortung, Kompetenzen und Fähigkeiten herrscht. Unterschieden werden die Rollengruppen der Stammorganisation und die Rollen der Projektorganisation; beschrieben werden ausschliesslich die HERMES-Rollen der Projektorganisation.[1]

Jede Rollenbeschreibung folgt demselben Aufbau: Beschreibung, Verantwortung, Kompetenzen, benötigte Fähigkeiten und — wo relevant — die Beziehungen zu Aufgaben und Ergebnissen je Modul. Die Rolle, die eine Aufgabe verantwortet, ist auch für die daraus entstehenden Ergebnisse verantwortlich.[1] Einen Überblick über alle Methodenelemente gibt der HERMES-Leitfaden.

Welche Rollen hat die Stammorganisation?

Die Stammorganisation ist die Organisation des Auftraggebers, in der das Projekt angesiedelt ist und in der die Lösung später genutzt wird. Sie definiert Strategien und Vorgaben und stellt Infrastruktur, Finanzen und Personal bereit. Der Begriff ist breit: Das kann eine Verwaltung, eine Schule, ein Verein oder ein Unternehmen sein, in grossen Verwaltungen auch eine einzelne Organisationseinheit.[1]

Die drei permanenten Rollengruppen der Stammorganisation
RollengruppeAufgabe
LeitungSteuert das Portfolio strategisch, priorisiert Projekte und teilt Infrastruktur, Personal und Finanzen zu
Kompetenzzentrum ProjektmanagementHäufig als PMO bezeichnet; stellt Methoden, Werkzeuge und Coaching bereit und führt oft das Portfolio operativ
Controlling- und VorgabestellenDefinieren Vorgaben aus Sicht der Gesamtorganisation und prüfen deren Einhaltung, etwa Finanzkontrolle, Revision, IT-Controlling, Architektur und ISDS

Anwender, Ersteller, Betreiber: die Partnergruppen

In der Projektorganisation sind drei Partnergruppen vertreten, und jede Rolle ist einer oder mehreren davon zugeordnet:[1]

  • Anwender: Eigentümer des Projekts. Sie nutzen die Lösung für ihre Geschäftsprozesse, definieren die Anforderungen, testen und nehmen ab.
  • Ersteller: Dienstleister, der die Lösung entwickelt oder liefert und integriert — verantwortlich für Qualität, Termine und Kosten gemäss Vorgaben.
  • Betreiber: Dienstleister, der die technische Lösung in die Betriebsumgebung integriert, die Betriebsorganisation sicherstellt und das System betreibt.

In der Praxis werden Rollen der Ersteller häufig, zunehmend auch Rollen der Anwender — etwa über Projektleiter-Pools — durch externe Dienstleister besetzt. HERMES verlangt dann, dass die Rolleninhaber immer und ausschliesslich die Sicht der Partnergruppe vertreten, für die sie Leistungen erbringen. So werden Interessenkonflikte ausgeschlossen.[1]

Steuerung, Führung, Ausführung

Jede Rolle ist genau einer Hierarchieebene zugeordnet. Rollen der Steuerung steuern das Projekt organisationsübergreifend und stellen die Zielerreichung sicher. Rollen der Führung erarbeiten Projektgrundlagen und führen Projekt und Mitarbeitende. Rollen der Ausführung erarbeiten die Lösung und setzen die Qualitätssicherung um.[1]

Die 16 Standardrollen von HERMES 2022
EbeneRollePartnergruppen
SteuerungAuftraggeber (Pflicht)Anwender
SteuerungProjektausschussAnwender, Ersteller, Betreiber
SteuerungQualitäts- und RisikomanagerAnwender
FührungProjektleiter (Pflicht)Anwender
FührungFachausschussAnwender, Ersteller, Betreiber
FührungProjektunterstützungAnwender, Ersteller
FührungTeilprojektleiterAnwender, Ersteller, Betreiber
AusführungAnwendervertreter (Pflicht)Anwender
AusführungBusiness AnalystAnwender, Ersteller
AusführungEntwicklerErsteller
AusführungBetriebsverantwortlicherBetreiber
AusführungIT-ArchitektAnwender, Ersteller, Betreiber
AusführungISDS-VerantwortlicherAnwender
AusführungTestverantwortlicherAnwender, Ersteller, Betreiber
AusführungTesterAnwender, Ersteller, Betreiber
AusführungUmsetzungsorganisation (Rollengruppe, agil)Anwender, Ersteller, Betreiber

Die Ausführungsrollen — in Organigrammen oft als Fachspezialisten bezeichnet — sind nicht abschliessend. Je nach Stammorganisation oder Projektart kommen projektspezifische Rollen hinzu.[1]

Die drei Pflichtrollen und ihre Besetzungsregeln

Auftraggeber, Projektleiter und Anwendervertreter sind unabhängig vom Vorgehen in jedem Projekt zu besetzen, um die Governance-Anforderungen zu erfüllen. Alle drei müssen in der Partnergruppe der Anwender angesiedelt sein.[1] Das Referenzhandbuch fasst ihre Aufgaben knapp zusammen: Der Auftraggeber steuert und trägt die Gesamtverantwortung, der Projektleiter führt, koordiniert und bestimmt den Ablauf, der Anwendervertreter verantwortet die fachliche Lösungsentstehung.[2] Wie diese Verantwortung in Entscheide übersetzt wird, beschreibt das Kapitel Meilensteine und Entscheide.

Auftraggeber

  • Ist eine einzelne natürliche Person aus der Stammorganisation und auf entsprechend hoher Hierarchiestufe angesiedelt.
  • Initialisiert, finanziert und steuert das gesamte Projekt und trägt die Gesamtverantwortung für die Zielerreichung.
  • Vertritt das Projekt gegenüber der Leitung der Stammorganisation sowie gegenüber Controlling- und Vorgabestellen.
  • Sorgt dafür, dass die erfolgskritischen Stakeholder im Projekt vertreten sind.
  • Darf nicht gleichzeitig Projektleiter sein.

Projektleiter

  • Wird vom Auftraggeber eingesetzt und vertritt ausschliesslich die Interessen der Anwender — auch wenn die Person extern rekrutiert oder aus einem Pool gestellt wird.
  • Die Stellung durch Ersteller oder Betreiber soll wegen möglicher Interessenkonflikte vermieden werden.
  • Führt das Projekt einschliesslich aller Teilprojekte und kann selbst Teilprojektleiter sein.
  • Übernimmt die Person zusätzlich eine Ausführungsrolle, muss der Auftraggeber genügend Kapazität für die Projektleitung sicherstellen.

Anwendervertreter

  • Wird vom Auftraggeber eingesetzt und ist bei den Anwendern angesiedelt; eine Stellung durch Ersteller oder Betreiber soll vermieden werden.
  • Verantwortet die fachliche Ausgestaltung der Lösung, im Rahmen der zugeteilten Ressourcen.
  • Ein Business Analyst kann die Rolle übernehmen, wenn er vertiefte Kenntnisse des Fachgebiets mitbringt.

Projektausschuss, Qualitäts- und Risikomanager, Teilprojektleiter

Projektausschuss

Der Auftraggeber setzt die Mitglieder des Projektausschusses ein und legt deren Stimmrechte fest. Im Ausschuss sind die für den Projekterfolg relevanten Organisationen vertreten.[1] In der Praxis entspricht er dem, was andernorts Lenkungsausschuss heisst; die Entscheidungsverantwortung bleibt beim Auftraggeber.

Qualitäts- und Risikomanager

Je nach Grösse und Risiken setzt der Auftraggeber ein Qualitäts- und Risikomanagement ein, das ihm direkt berichtet. Die Organisation, die diese Rolle stellt, übernimmt keine weiteren Rollen im Projekt und muss die Unabhängigkeit des Mandats sicherstellen.[1] Die Rolle unterstützt den Auftraggeber mit einer unabhängigen Beurteilung des Projekts — ihr typisches Ergebnis ist der QS- und Risikobericht an den Freigabe-Meilensteinen.

Teilprojektleiter

Wird vom Projektleiter eingesetzt, soll bei den Anwendern angesiedelt sein und vertritt in jedem Fall deren Interessen. Anders als beim Projektleiter kann eine Stellung durch Ersteller oder Betreiber erwogen werden, weil die Gesamtverantwortung beim Projektleiter liegt.[1]

Rollen bei agiler Umsetzung

Bei agilem Vorgehen werden alle beteiligten Ausführungsrollen in der Phase Umsetzung in der Umsetzungsorganisation zusammengefasst — einer Rollengruppe, die nur während dieser Phase Teil der Projektorganisation ist. In Initialisierung und Abschluss bleibt die Projektorganisation klassisch.[1]

Der Anwendervertreter fungiert als Schnittstelle zur Umsetzungsorganisation und übernimmt dort zusätzlich eine fachlich verantwortliche Rolle — in Scrum entspricht das dem Product Owner. Der Projektleiter führt das Projekt, darf aber nicht in die Selbstorganisation der Umsetzungsorganisation eingreifen; sein Ansprechpartner ist der Anwendervertreter.[3] Die Rollen der agilen Methode selbst, etwa Scrum Master oder Entwicklungsteam, gibt HERMES nicht vor.

Grundsätze für die Rollenbesetzung

Die Rollenbesetzung richtet sich nach den Projektanforderungen, der benötigten Erfahrung, der Kapazität und der Verfügbarkeit. Die konkrete Projektorganisation wird im Projektmanagementplan festgehalten. Für die Governance gelten zwei Grundsätze:[1]

  1. 1Eine Person kann mehrere Rollen übernehmen, sofern dadurch keine Interessenkonflikte entstehen.
  2. 2Eine Rolle kann von mehreren Personen besetzt werden, sofern die Rolle das zulässt — mehrere Tester sind üblich, Auftraggeber gibt es nur einen.

Jede Partnergruppe, die im Projekt vertreten ist, testet in ihrem Verantwortungsbereich und kann dafür einen eigenen Testverantwortlichen benennen. Ergänzend können Organisationen eigene Rollen definieren; HERMES nennt als Beispiele Integrationsverantwortliche, Logistiker, Immobilienverantwortliche, Einkäufer und Facility Manager.[1]

Wie sieht eine schlanke Rollenbesetzung aus?

In kleinen Projekten übernehmen wenige Personen mehrere Rollen. Die Besetzungsregeln von HERMES geben dafür einen klaren Rahmen. Eine typische Konstellation mit vier Personen, abgeleitet aus diesen Regeln:

Illustrative Rollenbesetzung eines kleinen Projekts
PersonRollenBegründung
Abteilungsleiterin FachbereichAuftraggeberEinzelne natürliche Person aus der Stammorganisation mit Budgetverantwortung
Interne ProjektleiterinProjektleiter, TeilprojektleiterDer Projektleiter darf selbst Teilprojekte führen
Fachexperte des BereichsAnwendervertreter, TesterMehrere Ausführungsrollen sind zulässig, wenn die Kapazität reicht
Business Analyst eines DienstleistersBusiness AnalystErsteller-Rolle; vertritt im Projekt die Sicht seiner Partnergruppe

Die Abgrenzung zwischen Projektleiter und Anwendervertreter ist dabei so zentral, dass sie zu den Lernzielen der HERMES-Foundation-Stufe gehört.[5] Auch im kleinsten Projekt gilt: Der Projektleiter verantwortet Termine, Kosten und Ablauf, der Anwendervertreter die fachliche Richtigkeit der Lösung.

Rollen in Programmen

Wird ein Projekt Teil eines Programms, muss die Projektorganisation in die Programmorganisation integriert werden. Betroffen sind vor allem Auftraggeber und Projektleiter. Je nach Organisationsform steuert der Projektauftraggeber im Auftrag des Programmauftraggebers, oder die Programmleitung übernimmt auf Projektebene die Aufgaben des Auftraggebers. Die angepassten Rollenbeschreibungen werden im Projektmanagementplan festgehalten.[1][4]

Rollen in der Praxis klären

Rollen wirken erst, wenn alle Beteiligten sie kennen und akzeptieren. Drei Werkzeuge haben sich dafür bewährt:

  • Ein Projektorganigramm im Projektmanagementplan, das Rollen und Personen getrennt zeigt.
  • Eine RACI-Matrix für die wichtigsten Ergebnisse und Entscheide, abgeleitet aus den HERMES-Beziehungen zwischen Rollen und Aufgaben.
  • Eine kurze Rollenklärung im Kick-off, vor allem für die Abgrenzung zwischen Projektleiter und Anwendervertreter.

Wer mit externen Partnern arbeitet, sollte die Rollen auch in den Verträgen abbilden — insbesondere, welche Partei welche Rolle stellt und in wessen Interesse sie handelt. Eine Vorlage für die Erfassung der Beteiligten ist die Stakeholderliste.

Häufige Fragen

Welche Rollen sind in HERMES Pflicht?

Auftraggeber, Projektleiter und Anwendervertreter. Die drei Rollen sind in jedem Projekt zu besetzen, unabhängig davon, ob klassisch oder agil vorgegangen wird, und müssen bei den Anwendern angesiedelt sein. Alle weiteren Standardrollen werden nach Grösse, Risiko und Szenario des Projekts ergänzt.

Darf der Projektleiter extern sein?

Ja, aber er muss ausschliesslich die Interessen der Anwender vertreten, auch wenn er extern rekrutiert oder aus einem Pool gestellt wird. Eine Stellung durch Ersteller oder Betreiber, etwa durch den Softwarelieferanten, soll wegen möglicher Interessenkonflikte vermieden werden.

Was macht der Anwendervertreter im agilen HERMES-Projekt?

Er verantwortet die fachliche Lösung, steuert die Arbeit der Umsetzungsorganisation über die priorisierten Lösungsanforderungen und ist Ansprechpartner des Projektleiters. Seine Aufgabe entspricht weitgehend der des Product Owners in Scrum; dafür braucht er Fachwissen und echte Entscheidungsbefugnisse.

Wem berichtet der Qualitäts- und Risikomanager?

Direkt dem Auftraggeber. Je nach Grösse und Risiken des Projekts setzt der Auftraggeber ein Qualitäts- und Risikomanagement ein. Die Organisation, die die Rolle stellt, übernimmt keine weiteren Rollen im Projekt, damit die Beurteilung unabhängig bleibt.

Kann eine Person mehrere HERMES-Rollen haben?

Ja, solange keine Interessenkonflikte entstehen. Ausgeschlossen ist zum Beispiel, dass Auftraggeber und Projektleiter dieselbe Person sind. Übernimmt der Projektleiter zusätzlich eine Ausführungsrolle, muss der Auftraggeber genügend Kapazität für die Projektleitung sicherstellen.

Quellen

  1. [1]HERMES Online: Rollen (Rollenmodell, Standardrollen, Rollenbesetzung) — Bundeskanzlei BK. Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  2. [2]HERMES Referenzhandbuch Projektmanagement, Ausgabe 2022 (3. Auflage, 31.12.2025) — Bundeskanzlei BK, Digitale Transformation und IKT-Lenkung (DTI). Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  3. [3]HERMES Online: Methodenüberblick Projektmanagement — Bundeskanzlei BK. Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  4. [4]HERMES Programmmanagement, Ausgabe 2022 — Bundeskanzlei BK, DTI. Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  5. [5]HERMES Ausgabe 2022: Lernziele Foundation — Bundeskanzlei BK. Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle

Änderungen an diesem Artikel

  • 23. Oktober 2026: Erstveröffentlichung, geprüft gegen das HERMES-Referenzhandbuch (Ausgabe 2022, 3. Auflage).

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