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Kapitel im Leitfaden HERMES 2022

HERMES und öffentliche Beschaffung: Modul, Ergebnisse und Entscheide

Von Leutrim MiftarajHERMES 5.1 Foundation · PMP · IREB CPREStand: 23. Oktober 20266 Minuten Lesezeit

Kurz erklärt

HERMES 2022 bildet Beschaffungen in zwei Stufen ab. In der Initialisierung klärt die Beschaffungsanalyse Bedarf, Markt und Verfahren. Das Modul Beschaffung regelt danach offene und selektive Verfahren mit öffentlicher Publikation — von den Ausschreibungsunterlagen über den Evaluationsbericht bis zu den Entscheiden Ausschreibung und Zuschlag. Alle anderen Beschaffungen laufen über die Projektführung.[1]

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Beschaffungsanalyse gehört zur Initialisierung und bildet mit der Studie die Grundlage für die Durchführungsfreigabe.
  • Das Modul Beschaffung gilt nur für offene und selektive Verfahren mit öffentlicher Publikation.
  • Ausschreibung und Zuschlag sind Entscheide der Steuerungsebene.
  • Seit der Revision von BöB und IVöB wird das vorteilhafteste Angebot ausgewählt, nicht das billigste.

Wie bildet HERMES eine Beschaffung ab?

HERMES trennt die Vorbereitung einer Beschaffung von ihrer Durchführung. Die Grundlagen — Bedarfs- und Marktanalyse, Abklärung des korrekten Verfahrens mit der Beschaffungsstelle, rechtliche Aspekte, Verfahrenswahl — entstehen in der Beschaffungsanalyse im Modul Projektgrundlagen. Das Modul Beschaffung führt anschliessend die Beschaffung mit offenem oder selektivem Verfahren und öffentlicher Publikation durch; alle anderen Fälle werden im Modul Projektführung abgewickelt.[1]

Wo welche Beschaffung in HERMES läuft
SituationHERMES-OrtTypische Ergebnisse
Vorbereitung jeder geplanten BeschaffungModul Projektgrundlagen, InitialisierungBeschaffungsanalyse
Offenes oder selektives Verfahren mit PublikationModul Beschaffung, Konzept bzw. UmsetzungAusschreibungsunterlagen, Publikation, Angebotsprotokoll, Evaluationsbericht, Vereinbarung
Andere Verfahren, z. B. Offerten innerhalb eines bestehenden VertragsModul Projektführung, Aufgabe Leistungen vereinbaren und steuernOffertanfrage, Angebot, Evaluationsbericht, Vereinbarung

Im klassischen Vorgehen findet die Beschaffung in der Phase Konzept statt, im agilen Vorgehen in der Phase Umsetzung. Welche Szenarien das Modul enthalten, zeigt das Kapitel HERMES-Szenarien: Es gehört zu den Adaptions-Szenarien, in denen eine marktverfügbare Lösung beschafft und angepasst wird.

Was gehört in die Beschaffungsanalyse?

Die Beschaffungsanalyse beschreibt, was durch wen und wann beschafft werden soll, wie sich der Markt präsentiert, welche Rahmenbedingungen gelten und welches Verfahren zum Tragen kommt. Sie wird mit den Controlling- und Vorgabestellen für das Beschaffungswesen abgestimmt und bildet zusammen mit der Studie die Grundlage für die Entscheidung, ob das Projekt fortgesetzt wird.[1]

  • Grund und Handlungsbedarf der Beschaffung.
  • Beschaffungsinhalt: Bedarf, Gegenstand mit Art, Zustand und Qualität, Verfügbarkeit am Markt.
  • Anbieter und Lieferanten: mögliche und bestehende Anbieter, laufende Verträge, Anforderungen an Anbieter.
  • Rollen und Verantwortung von Projektleiter, Projektteam und Beschaffungsabteilung.
  • Terminliche und finanzielle Aspekte inklusive approximativer Vorkalkulation.
  • Beschaffungsrechtliche Aspekte, Standards, Vertragsformen und das Zusammenspiel mit anderen Prozessen.
  • Beschaffungsplan, Ausschreibungsverfahren und Vorgehen bei Fragen zur Ausschreibung.

Was passiert im Modul Beschaffung?

Das Modul Beschaffung umfasst sechs Aufgaben mit ihren Ergebnissen:[1]

Aufgaben und Ergebnisse im Modul Beschaffung
AufgabeErgebnisse
Ausschreibung erarbeitenAusschreibungsunterlagen
Entscheid Ausschreibung treffenCheckliste Ausschreibung, Meilenstein, Liste Projektentscheide Steuerung
Ausschreibung durchführenAusschreibungsunterlagen, Angebote
Angebote bewertenAngebotsprotokoll, Evaluationsbericht
Entscheid Zuschlag treffenCheckliste Zuschlag, Meilenstein, Publikation, Liste Projektentscheide Steuerung
Vereinbarung erarbeitenVereinbarung

Ausschreibung und Zuschlag sind Entscheide der Steuerungsebene; sie werden in der Liste der Projektentscheide Steuerung dokumentiert. Warum diese Ebene zuständig ist und wie sich die Entscheide in die Projektstruktur einfügen, beschreibt das Kapitel Meilensteine und Entscheide.

Was gehört in die Ausschreibungsunterlagen?

Die Ausschreibungsunterlagen umfassen alle Informationen, die mit einer Ausschreibung publiziert werden. Kern ist das Lastenheft — in der Schweiz auch Pflichtenheft genannt — samt Kriterienkatalog. Oft bestehen organisationsspezifische Unterlagen der Beschaffungsstelle, die prioritär zu verwenden sind.[1]

  • Lastenheft: Ausgangslage, Beschaffungsgegenstand, Situationsbeschreibung, Soll-Zustand mit Zielen, Muss- und Kann-Kriterien, Umfang, Preisrahmen und Terminen.
  • Kriterienkatalog mit Eignungs- und Zuschlagskriterien, Gewichtung und Punkten.
  • Vorgaben zum Aufbau des Angebots und Administratives.
  • Vertragsentwurf, allgemeine Geschäftsbedingungen und Ausschreibungstext.
  • Fragen und Antworten aus dem Verfahren, die allen Anbietern zugestellt werden.

Der Hinweis auf die Doppelbezeichnung ist mehr als eine Fussnote: Wer aus Deutschland kommt, versteht unter Lastenheft und Pflichtenheft zwei verschiedene Dokumente. In HERMES-Ausschreibungen meint beides dasselbe.

Wie werden Angebote bewertet?

Nach Ablauf der Eingabefrist wird ein Protokoll der Angebotsöffnung erstellt. Der Evaluationsbericht fasst danach die Bewertung zusammen: Vorgehen, Evaluationsteam, Eignungskriterien, technische Spezifikationen, Zuschlagskriterien, Bewertungsverfahren, Vergleich der Angebote und eine Empfehlung, die nach Leistungswert, Wirtschaftlichkeit und der Kombination aus beidem unterscheidet.[1]

Rechtlich ist seit der Revision des Beschaffungsrechts das vorteilhafteste Angebot zu wählen (Art. 41 BöB/IVöB 2019). Die KBOB empfiehlt für Planerleistungen, die qualitativen Kriterien gesamthaft mit mehr als 50 bis höchstens 80 Prozent zu gewichten und so zu definieren, dass sie die Angebote tatsächlich unterscheiden.[2] Für die Evaluation in einem HERMES-Projekt heisst das: Die Zuschlagskriterien gehören schon in die Ausschreibungsunterlagen, und der Evaluationsbericht muss nachvollziehbar zeigen, wie die Gewichtung angewendet wurde.

Ergebnisse der Bewertung
ErgebnisInhaltVerwendung
AngebotsprotokollGegenstand, Datum, Anbieter, Sachverhalt, ÖffnungsprotokollNachweis der korrekten Öffnung
EvaluationsberichtBewertung, Vergleich, Empfehlung, ausgefüllter KriterienkatalogGrundlage für den Entscheid Zuschlag
PublikationBekanntmachung des ZuschlagsTransparenz und Rechtsmittel
VereinbarungVertrag mit dem ausgewählten AnbieterGrundlage der Zusammenarbeit

Eine HERMES-Beschaffung Schritt für Schritt

Aus den Aufgaben der Module Projektgrundlagen, Beschaffung und Projektführung ergibt sich ein typischer Ablauf. Er zeigt, an welchen Stellen Entscheide fallen und welche Ergebnisse vorliegen müssen:[1]

  1. 1Initialisierung: Beschaffungsanalyse parallel zur Studie erarbeiten und mit den Vorgabestellen abstimmen.
  2. 2Durchführungsfreigabe: Beschaffung als Teil des Durchführungsauftrags freigeben lassen.
  3. 3Ausschreibungsunterlagen erarbeiten: Lastenheft, Kriterienkatalog, Vertragsentwurf, Ausschreibungstext.
  4. 4Entscheid Ausschreibung durch die Steuerung, dokumentiert mit Checkliste und Meilenstein.
  5. 5Ausschreibung durchführen und publizieren, Fragen beantworten und allen Anbietern zustellen.
  6. 6Angebote öffnen und protokollieren, danach bewerten und im Evaluationsbericht zusammenfassen.
  7. 7Entscheid Zuschlag durch die Steuerung, Publikation des Zuschlags.
  8. 8Vereinbarung erarbeiten und abschliessen; danach Leistungen über die Projektführung steuern.

Die Reihenfolge macht sichtbar, warum Beschaffungen Zeit kosten: Zwischen Ausschreibungsentscheid und Vereinbarung liegen Publikation, Angebotsfrist, Bewertung, Zuschlagsentscheid und allfällige Rechtsmittel. Diese Zeit gehört in den Terminplan des Projektmanagementplans, nicht in eine Reserve am Ende.

Wer ist an einer HERMES-Beschaffung beteiligt?

Die Beschaffungsanalyse verlangt ausdrücklich, die Rollen und ihre Verantwortung zu klären: Aufgaben und Verantwortung von Projektleiter, Projektteam und Beschaffungsabteilung beziehungsweise Einkauf.[1] In der Praxis kommen ein Evaluationsteam für die Bewertung und die Steuerung für die Entscheide dazu.

Rollen bei einer HERMES-Beschaffung
RolleAufgabe
ProjektleiterPlant die Beschaffung, verantwortet Ausschreibungsunterlagen und Evaluation im Projekt
Anwendervertreter und FachspezialistenFormulieren fachliche Anforderungen und bewerten die fachliche Qualität der Angebote
Beschaffungsstelle oder EinkaufStellt das korrekte Verfahren, Vorlagen und die rechtliche Abwicklung sicher
EvaluationsteamBewertet die Angebote nach dem publizierten Kriterienkatalog
Auftraggeber und ProjektausschussTreffen die Entscheide Ausschreibung und Zuschlag

Die Zusammensetzung des Evaluationsteams wird im Evaluationsbericht festgehalten. Wer die Rollen früh benennt, vermeidet, dass Fachspezialisten erst bei der Bewertung erfahren, welche Kriterien sie anwenden sollen. Die Rollen insgesamt beschreibt das Kapitel HERMES-Rollen.

Beschaffungen ohne Modul Beschaffung

Nicht jede Beschaffung ist ein öffentliches Verfahren. Für alle anderen Fälle sieht HERMES die Aufgabe Leistungen vereinbaren und steuern im Modul Projektführung vor. Ihr Einstieg ist die Offertanfrage: Sie enthält Auftraggeber, Ausgangslage, Auftragsgegenstand, Termine, Bedingungen, Vorgaben an die Offerte und den administrativen Ablauf und erlaubt so, Angebote zu vergleichen und zu bewerten.[1] Auch hier entstehen Evaluationsbericht und Vereinbarung — in schlankerer Form, aber mit derselben Nachvollziehbarkeit.

Checkliste für vollständige Ausschreibungsunterlagen

  • Lastenheft mit Ausgangslage, Zielen, Muss- und Kann-Kriterien, Umfang, Preisrahmen und Terminen.
  • Eignungskriterien, die sich auf die Fähigkeit zur Leistungserbringung beziehen.
  • Zuschlagskriterien mit Gewichtung und Bewertungsskala, vor der Publikation festgelegt.
  • Vorgaben zum Aufbau des Angebots, damit Angebote vergleichbar werden.
  • Vertragsentwurf und anwendbare Geschäftsbedingungen.
  • Termine für Fragen, Eingabe, Öffnung und voraussichtlichen Zuschlag.
  • Verweis auf organisationsspezifische Vorlagen der Beschaffungsstelle.

Nach dem Zuschlag

Bewährt hat sich ein kurzes Kick-off mit dem Lieferanten direkt nach Vertragsabschluss. Es klärt Ansprechpersonen, Berichtsformat, Abnahmekriterien und den Umgang mit Änderungen — also genau die Punkte, die sonst erst im ersten Konflikt geklärt werden.

Mit der Vereinbarung endet das Modul Beschaffung, nicht aber die Arbeit mit dem Lieferanten. Die Projektführung steuert die vereinbarten Leistungen über Arbeitsaufträge, überwacht Termine und Qualität und führt Änderungen über Änderungsanträge. Am Ende stehen Vorabnahme und Abnahme mit Abnahmeprotokoll, das erfüllte Eigenschaften und Mängel rechtlich verbindlich festhält.[1]

Beschaffung und agiles Vorgehen

Der Agile Leitfaden nennt Standard-Beschaffungsvorhaben mit geringem Innovationsanteil — etwa die Beschaffung und Einführung von Standardlösungen oder Infrastruktur — als Indikator für ein klassisches Vorgehen. Ebenso wichtig: Arbeitet ein Lieferant oder Integrator klassisch, spricht das gegen eine agile Umsetzung.[3] Wer agil umsetzen will, muss das deshalb schon in der Ausschreibung berücksichtigen: Arbeitsweise des Anbieters, Rolle des Product Owners auf Anwenderseite und ein Vertragsmodell, das iteratives Arbeiten zulässt. Mehr dazu im Kapitel HERMES agil.

Typische Fehler bei HERMES-Beschaffungen

  • Die Beschaffungsanalyse wird als Formalität behandelt; Verfahren und Fristen sind bei der Durchführungsfreigabe noch unklar.
  • Zuschlagskriterien werden erst nach Eingang der Angebote präzisiert.
  • Organisationsspezifische Vorlagen der Beschaffungsstelle werden ignoriert und durch eigene ersetzt.
  • Der Evaluationsbericht dokumentiert das Ergebnis, aber nicht den Weg dorthin.
  • Die Arbeitsweise des Lieferanten passt nicht zum gewählten Vorgehen.

Wie ein Anbieter die Gegenseite sieht, beschreibt das Kapitel HERMES aus Sicht von Lieferanten. Für das eigene Angebot hilft die Checkliste Angebot auf öffentliche Ausschreibung; den Rahmen setzt der HERMES-Leitfaden.

Häufige Fragen

Wann braucht ein HERMES-Projekt das Modul Beschaffung?

Bei einer Beschaffung im offenen oder selektiven Verfahren mit öffentlicher Publikation. Andere Beschaffungen, etwa Offerten innerhalb bestehender Verträge, werden im Modul Projektführung über die Aufgabe Leistungen vereinbaren und steuern abgewickelt.

Wer entscheidet über den Zuschlag?

Der Entscheid Zuschlag ist ein Entscheid der Steuerungsebene, also des Auftraggebers mit dem Projektausschuss, und wird in der Liste der Projektentscheide Steuerung dokumentiert. Grundlage ist der Evaluationsbericht mit Bewertung, Vergleich und Empfehlung.

Was ist der Unterschied zwischen Beschaffungsanalyse und Ausschreibungsunterlagen?

Die Beschaffungsanalyse entsteht in der Initialisierung und klärt Bedarf, Markt, Verfahren und Rahmenbedingungen. Die Ausschreibungsunterlagen entstehen später im Modul Beschaffung und enthalten Lastenheft, Kriterienkatalog, Vertragsentwurf und alles, was publiziert wird.

Bedeuten Lastenheft und Pflichtenheft in HERMES dasselbe?

Ja. Das Referenzhandbuch nennt das Lastenheft als Kern der Ausschreibungsunterlagen und weist darauf hin, dass es in der Schweiz auch Pflichtenheft genannt wird. In Deutschland bezeichnen die Begriffe dagegen zwei unterschiedliche Dokumente.

Quellen

  1. [1]HERMES Referenzhandbuch Projektmanagement, Ausgabe 2022 (3. Auflage, 31.12.2025) — Bundeskanzlei BK, Digitale Transformation und IKT-Lenkung (DTI). Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  2. [2]KBOB-Empfehlungen zur Honorierung von Architekten und Ingenieuren 2023 — KBOB (publiziert durch Tiefbauamt Kanton Thurgau). Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  3. [3]HERMES Agiler Leitfaden – Projektmanagement, Erweiterung zum Referenzhandbuch, Ausgabe 2022 — Bundeskanzlei BK, DTI. Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle

Änderungen an diesem Artikel

  • 23. Oktober 2026: Erstveröffentlichung, geprüft gegen das HERMES-Referenzhandbuch (Ausgabe 2022, 3. Auflage).

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