Was haben HERMES und PRINCE2 gemeinsam?
Beide Methoden beantworten dieselbe Frage: Wie wird ein Projekt so gesteuert, dass Ziele, Kosten, Termine und Verantwortlichkeiten nachvollziehbar bleiben? Beide arbeiten mit einem Steuerungsgremium, einer klaren Projektleitung, Entscheidungspunkten zwischen Abschnitten und definierten Managementprodukten bzw. Ergebnissen. Wer eine der beiden Methoden beherrscht, findet sich in der anderen schnell zurecht.
Die Unterschiede liegen in Herkunft, Struktur und Zugang. HERMES ist der offene Standard der Schweizerischen Bundesverwaltung, herausgegeben von der Bundeskanzlei[3]; PRINCE2 wurde ursprünglich von der britischen Regierung entwickelt und liegt heute in der 7. Ausgabe von 2023 vor.[2] Die Grundlagen von HERMES fasst der HERMES-Leitfaden zusammen; das Methodenprofil von PRINCE2 steht unter PRINCE2.
Wie sind die Methoden aufgebaut?
HERMES besteht aus sechs Methodenelementen: Phasen, Szenarien, Module, Ergebnisse, Aufgaben und Rollen.[3] PRINCE2 7 beschreibt fünf integrierte Elemente: Prinzipien, Menschen (People), Praktiken, Prozesse und den Projektkontext.[1] Die Praktiken hiessen bis zur 6. Ausgabe «Themen».
| Aspekt | HERMES 2022 | PRINCE2 7 |
|---|---|---|
| Herausgeber | Bundeskanzlei, offener Standard (eCH-0054) | Kommerzielles Rahmenwerk; Zertifizierung über PeopleCert |
| Kernelemente | Phasen, Szenarien, Module, Ergebnisse, Aufgaben, Rollen | Prinzipien, People, Praktiken, Prozesse, Projektkontext |
| Struktur | Festes Phasenmodell: klassisch 5, agil 3 Phasen | Managementstufen, projektindividuell festgelegt |
| Steuerungslogik | Meilensteine als Quality Gates, Phasen- und Releasefreigaben | Steuerung nach Stufen und Ausnahmen (Toleranzen) |
| Anpassung | Sizing und Tailoring auf HERMES Online | Tailoring als eigenes Prinzip |
| Agilität | Agile Methode als Blackbox in der Phase Umsetzung | Ergänzende Leitfäden für agile Umgebungen |
Die sieben PRINCE2-Prinzipien lauten: fortlaufende geschäftliche Rechtfertigung, aus Erfahrung lernen, Rollen, Verantwortlichkeiten und Beziehungen definieren, Steuerung über Managementstufen, Steuerung nach dem Ausnahmeprinzip, Produktorientierung und Anpassung an das Projekt.[1] Die sieben Praktiken sind Business Case, Organisation, Pläne, Qualität, Risiko, Issues und Fortschritt.
Wo finden sich die PRINCE2-Prinzipien in HERMES?
Obwohl HERMES nicht mit Prinzipien argumentiert, finden sich die meisten Gedanken in Methodenelementen wieder:
| PRINCE2-Prinzip | Entsprechung in HERMES |
|---|---|
| Fortlaufende geschäftliche Rechtfertigung | Wirtschaftlichkeit in Studie, Durchführungsauftrag und Phasenbericht; Abbruch bei fehlender Wirtschaftlichkeit |
| Aus Erfahrung lernen | Ergebnis Projekterfahrungen, laufend geführt |
| Rollen und Verantwortlichkeiten definieren | Rollenmodell mit drei Hierarchieebenen und drei Partnergruppen |
| Steuerung über Managementstufen | Phasen mit Freigaben an jedem Phasenende |
| Steuerung nach dem Ausnahmeprinzip | Eskalationsvorgehen im Projektmanagementplan; keine eigene Toleranzlogik |
| Produktorientierung | Ergebnisorientierung: Dokumente und Zustände stehen im Zentrum |
| Anpassung an das Projekt | Sizing, Tailoring und benutzerdefinierte Szenarien |
Der deutlichste Unterschied liegt beim Ausnahmeprinzip. PRINCE2 delegiert Entscheidungsspielraum ausdrücklich über Toleranzen; HERMES regelt Eskalationen im Projektmanagementplan, entscheidet aber an festen Meilensteinen.[3] Wie diese Meilensteine funktionieren, zeigt das Kapitel Meilensteine und Entscheide.
Wie entsprechen sich die Rollen?
Beide Methoden trennen eine Steuerungsebene von der Projektleitung und den ausführenden Teams. Die Zuordnung ist nicht deckungsgleich, aber für die Zusammenarbeit in gemischten Teams hilfreich:
| HERMES | PRINCE2 | Hinweis |
|---|---|---|
| Auftraggeber | Executive | Gesamtverantwortung, eine Person |
| Projektausschuss | Project Board | In PRINCE2 mit Executive, Senior User, Senior Supplier |
| Anwendervertreter | Senior User (teilweise) | HERMES verortet die fachliche Lösung auf Ausführungsebene |
| Vertretung der Ersteller im Ausschuss | Senior Supplier | In HERMES über Partnergruppen abgebildet |
| Projektleiter | Project Manager | Führt das Projekt im Auftrag der Steuerung |
| Teilprojektleiter | Team Manager | Führt einen Teil der Lieferung |
| Qualitäts- und Risikomanager | Project Assurance | Unabhängige Beurteilung im Auftrag der Steuerung |
Die HERMES-Rollen und ihre Besetzungsregeln beschreibt das Kapitel HERMES-Rollen.[4] Besonders zu beachten: HERMES verlangt, dass Auftraggeber, Projektleiter und Anwendervertreter auf Anwenderseite stehen und dass die Projektleitung nicht vom Ersteller gestellt wird.
Wie verlaufen die Projekte im Vergleich?
Beide Methoden kennen einen Projektstart mit Entscheid über die Durchführung, eine Lieferphase und einen geordneten Abschluss. HERMES legt dafür feste Phasen fest: klassisch Initialisierung, Konzept, Realisierung, Einführung und Abschluss, agil Initialisierung, Umsetzung und Abschluss.[3] PRINCE2 unterteilt das Projekt in eine Initiierungsstufe und eine projektspezifische Anzahl von Lieferstufen, deren Grenzen die Steuerung festlegt.[2]
| Abschnitt | HERMES 2022 | PRINCE2 7 |
|---|---|---|
| Vor dem Projekt | Projektinitialisierungsauftrag und Projektinitialisierungsfreigabe | Projektvorbereitung mit Project Brief |
| Projektstart | Phase Initialisierung mit Studie und Durchführungsauftrag | Initiierungsstufe mit Project Initiation Documentation |
| Lieferung | Konzept, Realisierung, Einführung oder Umsetzung | Eine oder mehrere Lieferstufen |
| Übergänge | Phasen- und optionale Releasefreigaben | Freigaben an den Stufengrenzen |
| Ende | Phase Abschluss mit Projektschlussbeurteilung | Abschluss mit Abschlussbericht |
Managementprodukte und HERMES-Ergebnisse
Wer aus PRINCE2 kommt, sucht in HERMES zuerst die gewohnten Managementprodukte. Die meisten haben eine sinngemässe Entsprechung unter den HERMES-Ergebnissen; die Inhalte unterscheiden sich im Detail, die Funktion ist vergleichbar:
| PRINCE2 | HERMES | Funktion |
|---|---|---|
| Project Brief | Projektinitialisierungsauftrag | Grundlage für den Start der Initialisierung |
| Business Case | Studie, Durchführungsauftrag, Phasenbericht | Wirtschaftlichkeit und Nutzen begründen |
| Project Initiation Documentation | Projektmanagementplan und Durchführungsauftrag | Verbindlicher Rahmen und Gesamtplanung |
| Highlight Report | Projektstatusbericht | Regelmässiges Reporting an die Steuerung |
| End Stage Report | Phasenbericht | Grundlage der Freigabe des nächsten Abschnitts |
| Lessons Log und Lessons Report | Projekterfahrungen | Erfahrungen sichern |
| End Project Report | Projektschlussbeurteilung | Soll-Ist-Vergleich zum Abschluss |
Die HERMES-Seite der Tabelle beschreibt das Kapitel HERMES-Ergebnisse im Detail. Wichtig ist der Unterschied in der Logik: HERMES verlangt minimal geforderte Dokumente je verwendetem Modul, PRINCE2 passt die Managementprodukte über das Tailoring an.
Begriffe übersetzen: ein Mini-Glossar
In gemischten Teams entstehen Missverständnisse vor allem über Begriffe. Ein kurzes Projektglossar hilft; die folgende Zuordnung ist sinngemäss und ersetzt keine Definition aus den Methodenwerken:
| PRINCE2 | HERMES | Hinweis |
|---|---|---|
| Stage | Phase | HERMES-Phasen sind fest vorgegeben |
| Stage Boundary | Phasenfreigabe | Entscheid der Steuerung am Phasenende |
| Product | Ergebnis | Dokument oder Zustand |
| Work Package | Arbeitsauftrag | Klassisch durch den Projektleiter erteilt |
| Exception Report | Eskalation an die Steuerung, Änderungsantrag | HERMES kennt keine formale Toleranzlogik |
| Project Assurance | Qualitäts- und Risikomanagement | In HERMES unabhängig und ohne weitere Rollen |
| Product Description | Ergebnisbeschreibung | Auf HERMES Online je Ergebnis vorhanden |
| Tailoring | Sizing und Tailoring | In HERMES toolgestützt |
Wie gehen beide mit Agilität um?
HERMES 2022 bettet eine agile Entwicklungsmethode als Blackbox in die Phase Umsetzung ein; Projektleiter und Auftraggeber greifen nicht in die Selbstorganisation ein, die Schnittstelle ist der Anwendervertreter.[5] PRINCE2 setzt auf das Tailoring-Prinzip und ergänzende Leitfäden für agile Umgebungen. Für gemischte Organisationen ist der HERMES-Ansatz klarer geregelt, weil er die Grenze zwischen Projekt- und Entwicklungsmanagement explizit zieht. Details stehen im Kapitel HERMES agil.
Zertifizierung und Zugang
Für Personen, die in beiden Welten arbeiten, ist die Kombination beider Zertifikate verbreitet: HERMES für Projekte mit der Schweizer Verwaltung, PRINCE2 für international geprägte Organisationen. Die Konzepte überschneiden sich so stark, dass die Vorbereitung auf die zweite Prüfung deutlich weniger Zeit braucht als auf die erste.
| Aspekt | HERMES | PRINCE2 |
|---|---|---|
| Methodendokumentation | Frei auf HERMES Online | Offizielles Handbuch kostenpflichtig |
| Zertifizierungsstufen | Foundation, Advanced | Foundation, Practitioner |
| Prüfungsstelle | TÜV SÜD | PeopleCert |
| Gültigkeit | Foundation unbegrenzt, Advanced fünf Jahre | Erneuerung nach Vorgaben von PeopleCert |
Die HERMES-Angaben stammen von der Bundeskanzlei.[6] Einzelheiten zu Prüfungen, Kosten und Rezertifizierung stehen im Kapitel HERMES-Zertifizierung. Für PRINCE2 lohnt sich ein Blick auf die aktuellen Bedingungen von PeopleCert: Laut Trainingsanbietern sind PeopleCert-Zertifikate seit dem 1. Januar 2023 nach drei Jahren zu erneuern.[7]
Welche Methode für welches Projekt?
| Situation | Naheliegende Wahl |
|---|---|
| Projekt für Bund, Kanton oder Gemeinde | HERMES, oft durch die Stammorganisation vorgegeben |
| Lieferant mit Schweizer Verwaltungskunden | HERMES-Kenntnisse aufbauen, PRINCE2 als Ergänzung |
| Internationaler Konzern mit PRINCE2-Standard | PRINCE2 |
| Organisation ohne Vorgabe, die eine freie Methode sucht | HERMES als offener Standard prüfen |
| Gemischte Teams aus beiden Welten | Eine Methode für die Steuerung festlegen, Begriffe im Projektmanagementplan übersetzen |
Wichtiger als die Wahl ist die Konsequenz: Ein Projekt braucht eine Steuerungslogik, nicht zwei. Wer HERMES als Rahmen nutzt, kann PRINCE2-Erfahrung trotzdem einbringen — etwa beim Business Case oder bei der Toleranzlogik, die sich im Eskalationsvorgehen des Projektmanagementplans abbilden lässt.
Kombinieren statt wählen
In der Praxis stellt sich die Frage selten als Entweder-oder. Schweizer Organisationen mit internationalen Bezügen nutzen HERMES für Projekte mit der Verwaltung und PRINCE2-Elemente dort, wo sie Lücken schliessen — etwa eine explizite Toleranzlogik für die Delegation von Entscheiden oder einen ausgearbeiteten Business Case. Umgekehrt profitieren PRINCE2-Organisationen von der klaren HERMES-Trennung zwischen Projekt- und Entwicklungsmanagement bei agilen Vorhaben. Entscheidend ist, dass pro Projekt eine Methode die Steuerung bestimmt und die andere nur ergänzt.
Praxistipps für den Wechsel zwischen den Methoden
- Ein Begriffsglossar für das Projekt anlegen: Executive heisst Auftraggeber, Project Board heisst Projektausschuss, Management Products heissen Ergebnisse.
- Den Business Case aus PRINCE2-Gewohnheit nicht als separates Dokument führen, sondern in Studie, Durchführungsauftrag und Phasenbericht integrieren.
- Toleranzen als Eskalationsregeln im Projektmanagementplan formulieren.
- Das Rollen-Mapping mit dem Auftraggeber abstimmen, besonders die Position des Anwendervertreters.
- Freigaben an HERMES-Meilensteinen planen statt an frei gewählten Stufengrenzen.