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Kapitel im Leitfaden HERMES 2022

HERMES in Kantonen und Gemeinden: Leitfäden, Vorlagen und Varianten

Von Leutrim MiftarajHERMES 5.1 Foundation · PMP · IREB CPREStand: 23. Oktober 20266 Minuten Lesezeit

Kurz erklärt

HERMES ist als eCH-0054 ein E-Government-Standard und wird weit über die Bundesverwaltung hinaus eingesetzt. Viele Kantone haben eigene Leitfäden, Vorlagen und Szenarien auf Basis von HERMES 2022 — etwa Basel-Stadt, Solothurn und Zürich. Freiburg bietet mit HERMES EXPRESS eine vereinfachte Variante. Massgebend sind immer die Vorgaben der jeweiligen Stammorganisation.[1]

Das Wichtigste in Kürze

  • Jeder Kanton und jede Gemeinde ist eine eigene Stammorganisation mit eigenen Vorgaben.
  • Kantonale Leitfäden ergänzen HERMES um Rollen, Vorlagen und Governance-Regeln vor Ort.
  • Organisationsspezifische Vorlagen haben Vorrang vor den Standardvorlagen.
  • Kantone und Städte wirken an der Methode mit, etwa als Mitautoren des Agilen Leitfadens.

Warum ist HERMES auch in Kantonen verbreitet?

HERMES ist ein offener Standard der Schweizerischen Bundesverwaltung und als E-Government-Standard eCH-0054 geführt.[1] Weil die Methode frei verfügbar ist und eine gemeinsame Sprache für Auftraggeber, Projektleitende und Lieferanten schafft, setzen sie viele Kantone und Städte ein oder bauen eigene Leitfäden darauf auf. Die Anwender sind in der HERMES-Fachgruppe vertreten.[2]

Kantone und Städte gestalten die Methode auch mit. Zu den Autoren des Agilen Leitfadens zur Ausgabe 2022 gehören Vertreter des Amts für Informatik und Organisation des Kantons Bern und der Organisation und Informatik der Stadt Zürich.[3] Das erklärt, warum die Methode die Realität kantonaler und kommunaler Projekte gut abbildet.

Was bedeutet Stammorganisation für Kantone und Gemeinden?

Der Begriff Stammorganisation ist in HERMES bewusst breit gefasst: Das kann eine Verwaltung, eine Schule, ein Institut, ein Verein oder ein Unternehmen sein; in grossen Verwaltungen auch eine einzelne Organisationseinheit.[4] Für ein kantonales Projekt ist also der Kanton oder das zuständige Amt die Stammorganisation, für ein kommunales Projekt die Gemeinde. Sie legt fest, welche Vorgaben gelten — und kann die minimal geforderten Dokumente gemäss ihren Governance-Bestimmungen anpassen.[2]

Daraus folgt eine einfache Regel für alle Beteiligten: Erst klären, welche Vorgaben die Stammorganisation macht, dann HERMES anwenden. Das Rollenmodell mit Stammorganisation, Leitung, Kompetenzzentrum und Controlling-Stellen beschreibt das Kapitel HERMES-Rollen.

Wie setzen Kantone HERMES konkret um?

Vier Beispiele zeigen die Bandbreite — vom verbindlichen IT-Leitfaden bis zur vereinfachten Variante:

Kantonale Umsetzungen von HERMES (Auswahl)
KantonDokument oder AngebotBesonderheit
Basel-StadtIT-Projektleitfaden V3.0 (Januar 2024), basierend auf HERMES 2022Verbindlich für die operative Umsetzung aller IT-Programme und -Projekte; integriert kantonale Vorgaben, Gesetze und Strategieziele
SolothurnLeitfaden Projektmanagement V4.0, basierend auf HERMES 2022Herausgegeben vom Amt für Informatik und Organisation; mit Ergebnissen je Phase sowie Tipps für Auftraggeber und Projektleitende
ZürichHERMES-Angebot auf hermes.zh.ch mit eigenen VorlagenKantonale Dokumentvorlagen, etwa für den Projektinitialisierungsauftrag, und ein Leitfaden für Rechtsetzungsprojekte
FreiburgHERMES EXPRESSVereinfachte Variante mit vier Phasen und Dokumentvorlagen

Quellen: IT-Projektleitfaden Basel-Stadt[5], Leitfaden Solothurn[6], Vorlage Projektinitialisierungsauftrag Kanton Zürich[7] und Leitfaden Rechtsetzungsszenario Zürich[8], HERMES EXPRESS Freiburg.[9] Die Liste ist nicht abschliessend; weitere Kantone und Städte haben eigene Regelungen.

Sonderfall Rechtsetzung

Rechtsetzungsprojekte sind ein gutes Beispiel für ein benutzerdefiniertes Szenario. Der Kanton Zürich verbindet in seinem Leitfaden das kantonale Rechtsetzungsverfahren mit den Phasen von HERMES 2022 und bestimmt den Geltungsbereich je nach Normstufe.[8] Der Agile Leitfaden nennt stark reglementierte Vorhaben wie Rechtsetzung zudem ausdrücklich als Indikator für ein klassisches Vorgehen.[3] Wie benutzerdefinierte Szenarien entstehen, zeigt das Kapitel HERMES-Szenarien.

Kantonale Vorlagen haben Vorrang

HERMES stellt für alle Dokumente Standardvorlagen bereit, erlaubt aber ausdrücklich, sie an die Organisation anzupassen oder durch toolgestützte Lösungen zu ersetzen. Bei den Ausschreibungsunterlagen hält das Referenzhandbuch fest, dass organisationsspezifische Unterlagen der Beschaffungsstelle prioritär zu verwenden sind.[2] In der Praxis heisst das: In einem kantonalen Projekt wird der Projektinitialisierungsauftrag auf der kantonalen Vorlage geschrieben, nicht auf der Bundesvorlage — und nicht auf einer eigenen.

Worin unterscheiden sich kantonale Leitfäden?

Kantonale Leitfäden verändern die HERMES-Grundlogik nicht, sie präzisieren sie für die eigene Organisation. Der IT-Projektleitfaden Basel-Stadt etwa will kantonale Vorgaben, Gesetze und Strategieziele in IT-Projekten verankern und ein einheitliches Vorgehen beschreiben.[5] Typische Präzisierungen, auf die man beim Lesen eines kantonalen Leitfadens achten sollte:

Typische Präzisierungen in kantonalen HERMES-Leitfäden
BereichWorauf achten
GeltungsbereichFür welche Projekte ist der Leitfaden verbindlich, etwa nur für IT-Projekte?
GremienWer übernimmt Auftraggeber, Projektausschuss und Qualitäts- und Risikomanagement?
VorlagenWelche kantonalen Vorlagen ersetzen die HERMES-Standardvorlagen?
ReportingRhythmus, Format und Empfänger der Statusberichte
FreigabenWelche Meilensteine verlangen zusätzliche Stellen, etwa Informatik- oder Finanzcontrolling?
BegriffeAbweichende Bezeichnungen für Rollen oder Dokumente

Diese Fragen gehören in die Initialisierung. Die Antworten landen im Projektmanagementplan, damit alle Beteiligten mit denselben Regeln arbeiten — auch externe Lieferanten, die mehrere Kantone bedienen.

Projekte zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden

Viele Vorhaben betreffen mehrere Staatsebenen, etwa wenn eine kantonale Lösung an eine Bundesplattform angebunden wird. HERMES löst das über das Rollenmodell: Stammorganisation ist die Organisation des Auftraggebers, in der das Projekt angesiedelt ist.[4] Die anderen Ebenen sind Stakeholder, Partner oder Mitglieder im Projektausschuss. Für grössere Vorhaben mit mehreren Projekten unterschiedlicher Stammorganisationen bietet das HERMES-Programmmanagement Organisationsformen, in denen mehrere Auftraggeber koordiniert werden.[11]

Praktisch heisst das: Früh klären, wessen Vorgaben gelten, wer in welchem Gremium entscheidet und wie Ergebnisse zwischen den Ebenen übergeben werden. Ein gemeinsames Glossar verhindert, dass dieselben Begriffe auf verschiedenen Ebenen Verschiedenes bedeuten.

Was gilt für Gemeinden?

Für Gemeinden gilt dasselbe Prinzip wie für Kantone: Die Gemeinde ist Stammorganisation und bestimmt, welche Vorgaben gelten. Weil kommunale Projekte oft klein sind, ist das Sizing besonders wichtig. Es reduziert Vorgehen und Dokumentation auf das Minimum, das die HERMES-Governance verlangt, und liefert passende Vorlagen.[10] Wie das funktioniert und wo die Grenzen liegen, beschreibt das Kapitel Sizing und Tailoring.

Kleine Gemeinden haben selten ein eigenes Kompetenzzentrum Projektmanagement. Hier hilft es, die Rollen pragmatisch zu bündeln — eine Person kann mehrere Rollen übernehmen, solange keine Interessenkonflikte entstehen — und für Freigaben das zuständige Exekutivgremium als Steuerung festzulegen.

Ein kantonales Projekt in fünf Schritten aufsetzen

  1. 1Auftrag klären: Wer ist Auftraggeber, welches Amt ist Stammorganisation, gilt ein kantonaler Leitfaden?
  2. 2Leitfaden und Vorlagen beschaffen, etwa beim Kompetenzzentrum Projektmanagement oder dem Amt für Informatik.
  3. 3Projektinitialisierungsauftrag auf der kantonalen Vorlage erstellen und freigeben lassen.
  4. 4In der Initialisierung Szenario wählen, Sizing durchführen und kantonale Zusatzanforderungen in Studie und Projektmanagementplan aufnehmen.
  5. 5Freigabegremien und Reporting gemäss Leitfaden festlegen und im Durchführungsauftrag bestätigen lassen.

Diese Reihenfolge verhindert den häufigsten Fehler: ein Projekt nach Bundes-Standardvorlagen zu starten und später auf kantonale Vorgaben umstellen zu müssen.

Typische Gemeindeprojekte und ihr Zuschnitt

Illustrative Gemeindeprojekte und ein möglicher HERMES-Zuschnitt
VorhabenNaheliegendes SzenarioHinweise zum Zuschnitt
Neue Software für die EinwohnerkontrolleIT-Adaption mit BeschaffungBeschaffungsrecht und Datenschutz früh klären; Migration der Bestandsdaten planen
Neuorganisation der BauverwaltungOrganisationsanpassungKleine Projektorganisation, Gemeinderat als Steuerung
Neuer WebauftrittDienstleistung/Produkt mit BeschaffungInhalte und Zuständigkeiten nach dem Go-live festlegen
Schul-IT erneuernIT-InfrastrukturSchulleitung und Lehrpersonen als Anwender einbeziehen

Die Zuordnung ist ein Beispiel. Welches Szenario passt, ergibt sich aus der Lösungsvariante, die die Studie empfiehlt; die Szenarien selbst beschreibt das Kapitel HERMES-Szenarien.

Was bedeutet das für Lieferanten und Beratende?

Wer für mehrere Kantone arbeitet, begegnet derselben Methode in verschiedenen Ausprägungen. Das ist eine Chance: Die Grundlogik — Phasen, Meilensteine, Rollen, Ergebnisse — bleibt gleich, nur Vorlagen, Gremien und Bezeichnungen variieren.

  • Pro Auftraggeber eine kurze Übersicht führen: Leitfaden, Vorlagen, Rollen, Freigabegremien.
  • Lieferergebnisse auf die kantonalen Vorlagen abbilden, nicht auf eigene Formate.
  • Kantonale Begriffe in Angeboten verwenden, auch wenn sie vom Referenzhandbuch abweichen.
  • Bei Unklarheiten das Kompetenzzentrum Projektmanagement oder das zuständige Amt fragen.

Wie Lieferanten ihre Rolle in einem HERMES-Projekt grundsätzlich wahrnehmen, beschreibt das Kapitel HERMES aus Sicht von Lieferanten.

Austausch und Unterstützung

Gemeinden ohne eigene Fachstelle finden Unterstützung oft beim Kanton oder bei regionalen Zusammenschlüssen. Ein kurzer Austausch mit einer Gemeinde, die ein ähnliches Vorhaben bereits umgesetzt hat, liefert häufig die wertvollsten Hinweise zu Aufwand, Stolpersteinen und brauchbaren Vorlagen.

Wer HERMES in einem Kanton oder einer Gemeinde einführt, muss nicht bei null beginnen. Die Bundeskanzlei organisiert Anlässe für Anwendende, etwa das HERMES Connect Forum im Dezember 2024 im Berner Rathaus mit Neuigkeiten zur Methode und Praxisberichten.[12] Bildungsanbieter betreiben zudem Austauschgruppen; die ZHAW verweist etwa auf ein HERMES-Forum auf LinkedIn.[13] Innerhalb der Verwaltung lohnt sich der Kontakt zu Kantonen, die bereits eigene Leitfäden haben: Deren Vorlagen und Erfahrungen sparen beim Aufbau eigener Vorgaben viel Zeit.

Für die eigene Organisation empfiehlt sich ein kleines Kompetenzzentrum oder zumindest eine verantwortliche Person, die Vorlagen pflegt, Projektleitende berät und Erfahrungen aus abgeschlossenen Projekten sammelt. Das HERMES-Rollenmodell sieht dafür das Kompetenzzentrum Projektmanagement in der Stammorganisation vor.

Checkliste für Projekte in Kantonen und Gemeinden

  1. 1Stammorganisation und zuständiges Amt eindeutig benennen.
  2. 2Kantonalen oder kommunalen Leitfaden beschaffen und lesen.
  3. 3Vorlagen der Stammorganisation verwenden.
  4. 4Szenario wählen und Sizing durchführen, besonders bei kleinen Vorhaben.
  5. 5Freigabegremien und Entscheidungswege im Projektmanagementplan festhalten.
  6. 6Abweichungen von HERMES-Standardbegriffen in einem Projektglossar dokumentieren.

Den Gesamtzusammenhang der Methode zeigt der HERMES-Leitfaden; für den Projektstart bietet Flenio eine aufbereitete Vorlage für den Projektinitialisierungsauftrag, die sich an kantonale Vorgaben anpassen lässt.

Häufige Fragen

Müssen Kantone HERMES verwenden?

Jeder Kanton entscheidet als eigene Stammorganisation, welche Methode und welche Vorgaben gelten. Viele Kantone setzen HERMES ein oder haben eigene Leitfäden auf Basis von HERMES 2022, Basel-Stadt etwa einen verbindlichen IT-Projektleitfaden.

Welche Vorlagen gelten in einem kantonalen Projekt?

Die Vorlagen der Stammorganisation haben Vorrang. HERMES erlaubt ausdrücklich, Standardvorlagen anzupassen oder durch toolgestützte Lösungen zu ersetzen, und das Referenzhandbuch verlangt bei Ausschreibungen, organisationsspezifische Unterlagen der Beschaffungsstelle prioritär zu verwenden.

Gibt es vereinfachte kantonale HERMES-Varianten?

Ja. Der Kanton Freiburg bietet mit HERMES EXPRESS eine vereinfachte Variante mit vier Phasen und Dokumentvorlagen wie Projektmanagementplan und Projektstatusbericht an. Solche Varianten gelten für Projekte, deren Stammorganisation sie vorgibt, und sind keine offiziellen Ausgaben der Bundeskanzlei.

Eignet sich HERMES für kleine Gemeinden?

Ja, wenn die Methode über das Sizing auf die Projektgrösse zugeschnitten wird. Rollen lassen sich bündeln, solange keine Interessenkonflikte entstehen, und als Steuerung kann das zuständige Exekutivgremium der Gemeinde festgelegt werden.

Quellen

  1. [1]eCH-0054 HERMES Projektmanagement-Methode — Verein eCH. Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  2. [2]HERMES Referenzhandbuch Projektmanagement, Ausgabe 2022 (3. Auflage, 31.12.2025) — Bundeskanzlei BK, Digitale Transformation und IKT-Lenkung (DTI). Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  3. [3]HERMES Agiler Leitfaden – Projektmanagement, Erweiterung zum Referenzhandbuch, Ausgabe 2022 — Bundeskanzlei BK, DTI. Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  4. [4]HERMES Online: Rollen (Rollenmodell, Standardrollen, Rollenbesetzung) — Bundeskanzlei BK. Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  5. [5]IT-Projektleitfaden Kanton Basel-Stadt V3.0 (Januar 2024), basierend auf HERMES 2022 — Finanzdepartement des Kantons Basel-Stadt. Abgerufen am 23. Oktober 2026
  6. [6]Leitfaden Projektmanagement V4.0, basierend auf HERMES 2022 — Kanton Solothurn. Abgerufen am 23. Oktober 2026
  7. [7]Vorlage Projektinitialisierungsauftrag Kanton Zürich (HERMES 2022) — Kanton Zürich (hermes.zh.ch). Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  8. [8]Leitfaden Rechtsetzungsszenario HERMES 2022 — Kanton Zürich (hermes.zh.ch). Abgerufen am 23. Oktober 2026
  9. [9]Ein Projekt fachlich leiten (HERMES EXPRESS) — Staat Freiburg. Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  10. [10]Anleitung Sizing und Tailoring HERMES 2022 — Bundeskanzlei BK (HERMES Online). Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  11. [11]HERMES Programmmanagement, Ausgabe 2022 — Bundeskanzlei BK, DTI. Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  12. [12]HERMES 2022 Advanced – Rezertifizierung — TÜV SÜD Examination Institute. Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  13. [13]Weiterbildung HERMES Ausgabe 2022 (Foundation, Advanced, Lift) — ZHAW School of Management and Law. Abgerufen am 23. Oktober 2026

Änderungen an diesem Artikel

  • 23. Oktober 2026: Erstveröffentlichung, geprüft gegen das HERMES-Referenzhandbuch (Ausgabe 2022, 3. Auflage).

Wie wir Fachinhalte recherchieren, prüfen und aktualisieren: Redaktionelle Grundsätze

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