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Kapitel im Leitfaden HERMES 2022

Qualitäts- und Risikomanagement nach HERMES: QRM, Berichte und Praxis

Von Leutrim MiftarajHERMES 5.1 Foundation · PMP · IREB CPREStand: 23. Oktober 20266 Minuten Lesezeit

Kurz erklärt

HERMES verankert Qualität und Risiko auf zwei Ebenen. In der Projektführung plant der Projektleiter Qualitätssicherung und managt Risiken laufend. Auf der Steuerungsebene beurteilt ein unabhängiger Qualitäts- und Risikomanager das Projekt und empfiehlt dem Auftraggeber Massnahmen; sein QS- und Risikobericht ist Grundlage der Freigabe-Entscheide.[1][2]

Das Wichtigste in Kürze

  • Qualitätssicherung und Risikomanagement sind Aufgaben der Projektführung; die unabhängige Beurteilung ist Sache der Steuerung.
  • Der Qualitäts- und Risikomanager berichtet direkt dem Auftraggeber und übernimmt keine weiteren Rollen.
  • Der QS- und Risikobericht fliesst in Phasen-, Release- und Abschlussfreigaben ein.
  • Die Finanzkontrolle mahnt: nie ohne ausgereiftes Qualitäts- und Risikomanagement starten.

Wie organisiert HERMES Qualität und Risiko?

HERMES trennt zwei Perspektiven. Die Projektführung plant, führt und koordiniert das Projekt; dazu gehören die Aufgaben Risiken managen und Qualitätssicherung führen. Die Projektsteuerung stellt die Zielerreichung sicher und trifft Entscheide zu Risiken.[1] Dazwischen steht — je nach Grösse und Risiko des Projekts — der Qualitäts- und Risikomanager, der dem Auftraggeber eine unabhängige Sicht liefert.[3]

Qualität und Risiko auf den HERMES-Ebenen
EbeneWerAufgabeErgebnisse
SteuerungAuftraggeber, ProjektausschussEntscheide zu Risiken, FreigabenListe Projektentscheide Steuerung
Steuerung (unabhängig)Qualitäts- und RisikomanagerUnabhängige Beurteilung, EmpfehlungenQS- und Risikobericht
FührungProjektleiterRisiken managen, Qualitätssicherung führenProjektstatusbericht, Projektmanagementplan, Prüfprotokoll
AusführungFachrollen, TesterQualität der Ergebnisse, TestsTestprotokoll, Ergebnisse

Was macht der Qualitäts- und Risikomanager?

Der Qualitäts- und Risikomanager unterstützt den Auftraggeber mit einer unabhängigen Beurteilung des Projekts und empfiehlt Massnahmen zur Erreichung der Projektziele. Zu seinen Verantwortlichkeiten gehören die Beurteilung der Einhaltung der Vorgaben der Stammorganisation sowie die Beurteilung von Vorgehen und Ergebnissen des Projektmanagements, der Projektorganisation und der Zusammenarbeit im Projekt.[2]

Für die Besetzung gelten strenge Regeln: Der Auftraggeber setzt das Qualitäts- und Risikomanagement je nach Grösse und Risiken ein, es berichtet direkt an ihn. Die unabhängige Organisation, die die Rolle stellt, übernimmt keine weiteren Rollen im Projekt und muss die Unabhängigkeit des Mandats sicherstellen.[3] Als Fähigkeiten nennt die Rollenbeschreibung vertieftes Projektmanagementwissen — insbesondere zu Controlling, Qualitätssicherung und Risikomanagement —, betriebswirtschaftliche Kenntnisse und vertiefte, durch ein Zertifikat belegte HERMES-Kenntnisse.[2]

Welche Risiken betrachtet HERMES in welcher Phase?

Risikomanagement ist in HERMES kein einmaliges Dokument, sondern zieht sich durch die Phasenbeschreibungen. Das Referenzhandbuch formuliert für jede Phase, was mit den Risiken zu geschehen hat:[1]

Risiken im HERMES-Phasenverlauf
PhaseAnforderung an das Risikomanagement
InitialisierungDie Studie ermittelt unter anderem die Projekt- und Betriebsrisiken; zu hohe Risiken sind ein möglicher Grund für die Beendigung
KonzeptProjekt- und Betriebsrisiken müssen vor der Phasenfreigabe identifiziert, analysiert und bewertet sein
RealisierungEinführungsrisiken müssen beurteilt werden und vertretbar sein, sonst kann die Einführung nicht erfolgen
Umsetzung (agil)Projekt-, Betriebs- und Einführungsrisiken werden iterativ identifiziert, analysiert, bewertet und beurteilt
Alle PhasenRisiken managen als laufende Aufgabe der Projektführung; Entscheide zu Risiken durch die Steuerung

Die Tabelle zeigt, warum die Freigaben in HERMES so viel Gewicht haben: An jedem Phasenende steht implizit die Frage, ob die Risiken noch tragbar sind. Die Entscheide selbst beschreibt das Kapitel Meilensteine und Entscheide.

Wie funktioniert die Qualitätssicherung?

Die Qualitätssicherung wird im Projektmanagementplan geplant: Er enthält Qualitätsziele und -vorgaben für die Durchführung, einen Prüfplan und Regeln zur Qualitätssicherung.[1] Die Aufgabe Qualitätssicherung führen erzeugt das Prüfprotokoll, das in jeder Phase nachweist, welche Prüfungen durchgeführt wurden und mit welchem Ergebnis. Tests im engeren Sinn regelt das Modul Tests mit Testkonzept und Testprotokoll.

  • Qualitätsziele und Prüfplan im Projektmanagementplan festlegen.
  • Prüfungen je Ergebnis planen: Wer prüft was, wann, nach welchen Kriterien?
  • Ergebnisse im Prüfprotokoll festhalten.
  • Abweichungen als Massnahmen nachverfolgen, nicht nur notieren.
  • Abnahmekriterien früh im Einführungskonzept definieren.

Der QS- und Risikobericht

Der QS- und Risikobericht ist das zentrale Ergebnis für die Steuerung. Er gehört zu den Ergebnissen der Entscheide Phasenfreigabe, Releasefreigabe, Phasenfreigabe Abschluss und Projektabschluss sowie der laufenden Aufgabe Projekt steuern.[1] Damit liegt bei jedem wichtigen Entscheid eine unabhängige Einschätzung vor.

Eine bewährte Gliederung, wie sie auch die Flenio-Vorlage QS- und Risikobericht verwendet: Management Summary, durchgeführte QS-Aktivitäten, wichtigste Risiken mit Bewertung, Massnahmenplan, Trend gegenüber dem letzten Bericht und eine klare Empfehlung an den Auftraggeber. Entscheidend ist die Empfehlung — ein Bericht ohne Empfehlung überlässt die Bewertung dem, der sie am wenigsten unabhängig treffen kann.

Projekt-, Betriebs- und Einführungsrisiken

HERMES unterscheidet in den Phasenbeschreibungen drei Arten von Risiken, die zu verschiedenen Zeitpunkten im Vordergrund stehen.[1] Die Unterscheidung hilft, das Risikoregister zu strukturieren und die richtigen Personen einzubeziehen:

Risikoarten in HERMES mit Beispielen
RisikoartWorum es gehtTypische BeispieleWer bewertet mit
ProjektrisikenGefährden Ziele, Kosten oder Termine des ProjektsSchlüsselpersonen fehlen, Anforderungen ändern sich, LieferverzugProjektleiter, Anwendervertreter
BetriebsrisikenGefährden den späteren Betrieb der LösungUnklare Verantwortung, fehlende Betriebskompetenz, SicherheitslückenBetriebsverantwortlicher, ISDS-Verantwortlicher
EinführungsrisikenGefährden den Übergang in den neuen ZustandUngenügende Schulung, Datenmigration, AkzeptanzAnwendervertreter, Einführungsorganisation

Die Beispiele sind illustrativ. Entscheidend ist der Zeitpunkt: Betriebsrisiken gehören schon in die Studie, weil sie die Wahl der Lösungsvariante beeinflussen; Einführungsrisiken müssen spätestens am Ende der Realisierung vertretbar sein.

Ein QRM-Mandat aufsetzen

Wird das Qualitäts- und Risikomanagement extern vergeben, entscheidet das Mandat über seinen Nutzen. Aus den Rollenregeln ergeben sich klare Anforderungen: Die beauftragte Organisation berichtet direkt dem Auftraggeber, übernimmt keine weiteren Rollen im Projekt und sichert ihre Unabhängigkeit.[3] Ihre Prüfgegenstände sind die Einhaltung der Vorgaben der Stammorganisation sowie Vorgehen und Ergebnisse von Projektmanagement, Projektorganisation und Zusammenarbeit.[2]

  • Prüfumfang und Prüfzeitpunkte im Mandat festlegen, ausgerichtet auf die Freigabe-Meilensteine.
  • Zugang zu allen Projektunterlagen und Gremien sicherstellen, bei agiler Umsetzung auch zum Entwicklungsteam.
  • Berichtslinie direkt zum Auftraggeber vereinbaren, nicht über die Projektleitung.
  • Ausschliessen, dass die beauftragte Organisation im selben Projekt liefert oder berät.
  • Format des QS- und Risikoberichts mit Empfehlung und Trend vorgeben.

Qualitätsziele konkret formulieren

Qualitätsziele im Projektmanagementplan sind nur nützlich, wenn sie prüfbar sind. Eine einfache Struktur aus Ziel, Messgrösse und Prüfung macht sie überprüfbar und gibt dem Prüfprotokoll eine klare Grundlage:

Beispiele prüfbarer Qualitätsziele
QualitätszielMessgrössePrüfung
Anforderungen sind vollständig und abgenommenAnteil abgenommener LösungsanforderungenReview mit dem Anwendervertreter vor der Phasenfreigabe
Kritische Fehler sind vor der Einführung behobenAnzahl offener kritischer FehlerTestprotokoll vor der Abnahme
Dokumente folgen den Vorgaben der StammorganisationAbweichungen von VorlagenStichprobe durch die Projektunterstützung
Entscheide sind nachvollziehbarVollständigkeit der Liste ProjektentscheidePrüfung durch das Qualitäts- und Risikomanagement

Die Beispiele sind illustrativ. Wichtig ist, dass jedes Ziel einer Prüfung im Prüfplan zugeordnet ist und das Ergebnis im Prüfprotokoll erscheint.

Risiken verständlich berichten

Der Projektstatusbericht ist der Ort, an dem Risiken die Steuerung erreichen. Hilfreich ist eine kurze, gleichbleibende Darstellung: die wichtigsten Risiken mit Bewertung und Trend, die beschlossenen Massnahmen mit Stand und eine Aussage, welche Entscheide die Steuerung treffen muss. Wer jedes Mal die vollständige Risikoliste beilegt, versteckt die wichtigen Risiken in der Menge.

Was die Finanzkontrolle erwartet

Im Vorwort des Referenzhandbuchs fordert die Eidgenössische Finanzkontrolle, nie ohne ausgereiftes Qualitäts- und Risikomanagement zu starten. Sie verlangt zudem, Architektur-, IKS- und Sicherheitsverantwortliche früh einzubeziehen und sicherzustellen, dass ausreichend explizite Testfälle für interne Kontrollen und Sicherheitselemente vorliegen und möglichst automatisiert durchgeführt werden.[1] Für das Qualitäts- und Risikomanagement ist das eine klare Prüfliste.

Qualität und Risiko in kleinen Projekten

Auch ohne QRM gilt die Empfehlung der Finanzkontrolle sinngemäss: Ein kleines Projekt braucht ebenfalls ein bewusstes Qualitäts- und Risikomanagement, nur in kleinerem Umfang. Eine einseitige Risikoliste mit Massnahmen und Verantwortlichen, die vor jeder Freigabe aktualisiert wird, erfüllt diesen Zweck oft bereits.

Ein eigener Qualitäts- und Risikomanager ist für kleine Projekte oft unverhältnismässig. Die Aufgaben der Projektführung bleiben aber: Risiken managen und Qualitätssicherung führen. Bewährt hat sich, die unabhängige Sicht anders sicherzustellen — etwa durch eine kurze Prüfung durch das Kompetenzzentrum Projektmanagement vor der Durchführungsfreigabe oder durch ein Review einer Person aus einem anderen Projekt. Wichtig ist, dass die prüfende Person keine Rolle im Projekt hat. Die Entscheidung, auf das QRM zu verzichten, gehört begründet in den Projektmanagementplan.

Qualität in der Abnahme

Die Abnahme ist der Punkt, an dem Qualität rechtlich wirksam wird. Das Abnahmeprotokoll hält fest, ob die vereinbarten Lösungseigenschaften erfüllt sind und welche Mängel mit welchen Fristen bestehen.[1] Deshalb sollten Abnahmekriterien früh definiert und mit den Qualitätszielen verknüpft werden; eine Abnahme ohne vorher vereinbarte Kriterien führt fast zwangsläufig zu Streit.

Praxisanleitung: Risikomanagement in einem HERMES-Projekt

  1. 1In der Studie Projekt- und Betriebsrisiken je Lösungsvariante erfassen.
  2. 2Ein Risikoregister mit Eintrittswahrscheinlichkeit, Auswirkung, Massnahme und Verantwortlichem führen.
  3. 3Risiken mit einer Risikomatrix bewerten und Prioritäten setzen.
  4. 4Top-Risiken im Projektstatusbericht laufend berichten.
  5. 5Vor jeder Freigabe den QS- und Risikobericht einholen.
  6. 6Entscheide zu Risiken der Steuerung in der Liste Projektentscheide dokumentieren.
  7. 7In den Projekterfahrungen festhalten, welche Risiken eingetreten sind und welche Massnahmen gewirkt haben.

Wie die Rollen zusammenspielen, beschreibt das Kapitel HERMES-Rollen; welche Dokumente insgesamt entstehen, das Kapitel HERMES-Ergebnisse. Den Überblick bietet der HERMES-Leitfaden.

Häufige Fragen

Ist der Qualitäts- und Risikomanager in HERMES Pflicht?

Nein, er gehört nicht zu den drei Pflichtrollen. Der Auftraggeber setzt das Qualitäts- und Risikomanagement je nach Grösse und Risiken des Projekts ein. Die Finanzkontrolle empfiehlt aber, nie ohne ausgereiftes Qualitäts- und Risikomanagement zu starten.

Darf der Projektleiter das Qualitäts- und Risikomanagement übernehmen?

Nein. Die Organisation, die den Qualitäts- und Risikomanager stellt, übernimmt keine weiteren Rollen im Projekt und muss die Unabhängigkeit des Mandats sicherstellen. Der Projektleiter managt Risiken und Qualität operativ, die Beurteilung erfolgt unabhängig.

Wann wird ein QS- und Risikobericht erstellt?

Bei den Entscheiden Phasenfreigabe, Releasefreigabe, Phasenfreigabe Abschluss und Projektabschluss sowie im Rahmen der laufenden Projektsteuerung. So liegt bei jedem wichtigen Entscheid der Steuerung eine unabhängige Einschätzung zu Qualität und Risiken vor.

Gilt der Blackbox-Ansatz auch für das Qualitäts- und Risikomanagement?

Nein. Der Agile Leitfaden hält fest, dass der Qualitäts- und Risikomanager immer unabhängig beurteilen können muss und deshalb auch direkt im Entwicklungsteam Informationen einholen darf, obwohl Projektleiter und Auftraggeber nicht in die Umsetzung eingreifen.

Quellen

  1. [1]HERMES Referenzhandbuch Projektmanagement, Ausgabe 2022 (3. Auflage, 31.12.2025) — Bundeskanzlei BK, Digitale Transformation und IKT-Lenkung (DTI). Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  2. [2]HERMES Online: Quality and risk manager (Rollenbeschreibung) — Bundeskanzlei BK. Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  3. [3]HERMES Online: Rollen (Rollenmodell, Standardrollen, Rollenbesetzung) — Bundeskanzlei BK. Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  4. [4]HERMES Agiler Leitfaden – Projektmanagement, Erweiterung zum Referenzhandbuch, Ausgabe 2022 — Bundeskanzlei BK, DTI. Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle

Änderungen an diesem Artikel

  • 23. Oktober 2026: Erstveröffentlichung, geprüft gegen das HERMES-Referenzhandbuch (Ausgabe 2022, 3. Auflage).

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