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Leitfaden · Schweiz

HERMES 2022: Der Leitfaden zur Projektmanagementmethode des Bundes

Von Leutrim MiftarajHERMES 5.1 Foundation · PMP · IREB CPREStand: 23. Oktober 202612 Minuten Lesezeit

Kurz erklärt

HERMES 2022 ist die offene Projektmanagementmethode der Schweizerischen Bundesverwaltung, herausgegeben von der Bundeskanzlei und als eCH-0054 standardisiert. Sie gliedert jedes Projekt in Phasen mit Meilensteinen als Quality Gates und baut auf Szenarien, Modulen, Ergebnissen, Aufgaben und Rollen auf. Klassische, agile und hybride Vorgehen laufen im selben Rahmen.[1]

Das Wichtigste in Kürze

  • Klassisch fünf Phasen, agil drei: Initialisierung und Abschluss sind immer gleich, dazwischen liegen Konzept, Realisierung und Einführung oder die Phase Umsetzung.
  • Fünf Standardszenarien und zwölf Standardmodule decken typische Projektarten ab. Sizing und Tailoring schneiden die Methode auf kleine Vorhaben zu.
  • Drei Rollen sind in jedem Projekt Pflicht: Auftraggeber, Projektleiter und Anwendervertreter. Alle drei stehen auf der Seite der Anwender.
  • Ergebnisse stehen im Zentrum: Dokumente und erreichte Zustände, die an Meilensteinen geprüft und freigegeben werden.

Was ist HERMES 2022?

HERMES ist die Projektmanagementmethode der Schweizerischen Bundesverwaltung. Sie ist ein offener Standard: Referenzhandbuch, Ergebnisbeschreibungen und Dokumentvorlagen stehen auf HERMES Online frei zur Verfügung, Herausgeberin und Inhaberin der Urheberrechte ist die Schweizerische Eidgenossenschaft, vertreten durch die Bundeskanzlei, Bereich Digitale Transformation und IKT-Lenkung (DTI).[1] Als E-Government-Standard ist HERMES unter der Nummer eCH-0054 geführt.[4]

HERMES
Ergebnisorientierte Methode für das Steuern, Führen und Ausführen von Projekten und Programmen in Organisation, Informatik sowie Dienstleistungs- und Produktentwicklung. Die Ausgabe 2022 unterstützt klassische, agile und skaliert agile Lösungsentstehung in einer einheitlichen Projektstruktur.

Die Methode ist kein Spezialwerkzeug für IT-Projekte. Das Referenzhandbuch nennt ausdrücklich die Anpassung von Organisationen, die Informatik und die Entwicklung von Dienstleistungen und Produkten als Einsatzfelder, dazu Infrastruktur- und Logistikvorhaben unterschiedlicher Komplexität.[2] Lange oder komplexe Vorhaben müssen nicht zwingend als Programm aufgesetzt werden; sie können auch als Projekt mit Realisierungseinheiten laufen.

HERMES existiert seit über 50 Jahren und wurde laufend an das jeweilige Projektverständnis angepasst. Die Bundeskanzlei hat das Jubiläum am HERMES-Forum 2025 mit einem Rückblick gewürdigt.[5] Die geltende Ausgabe 2022 liegt in der 3. Auflage vom 31. Dezember 2025 vor. Ihr zentraler Schritt gegenüber HERMES 5.1 ist die Entkopplung von Projektmanagement und Entwicklungsmanagement: HERMES gibt den Rahmen für Steuerung, Führung und Berichterstattung vor, während das Team die Lösung klassisch, agil oder skaliert agil erarbeitet.[1]

Wer arbeitet mit HERMES?

In der Bundesverwaltung ist HERMES die Standardmethode für Projekte. Viele Kantone und Städte arbeiten ebenfalls damit oder haben eigene, auf HERMES 2022 aufbauende Leitfäden, etwa der Kanton Basel-Stadt für IT-Projekte[9] oder der Kanton Solothurn für sein Projektmanagement.[10] Welche Vorgaben verbindlich sind, legt immer die jeweilige Stammorganisation fest — also die Organisation, in der das Projekt angesiedelt ist.

Für Lieferanten, Beratungsunternehmen und externe Projektleitende bedeutet das: Sie arbeiten in Projekten, deren Steuerung, Berichte und Freigaben nach HERMES organisiert sind. Wer die Begriffe kennt, versteht Ausschreibungen, Projektaufträge und Statusberichte schneller und kann Ergebnisse in der erwarteten Form liefern. Das gilt besonders für öffentliche Ausschreibungen, in denen HERMES-Ergebnisse wie Pflichtenheft und Evaluationsbericht direkt vorkommen.

Wie ist HERMES aufgebaut?

HERMES besteht aus sechs Methodenelementen, die aufeinander aufbauen. Die Phasen geben die Projektstruktur vor, Szenarien und Module bündeln Inhalte für bestimmte Projektarten, Ergebnisse und Aufgaben beschreiben die Arbeit, Rollen regeln die Verantwortung.[1]

Die sechs Methodenelemente von HERMES 2022
ElementWas es istBeispiel
PhasenRückgrat jedes Projekts; Meilensteine stehen an Anfang und Ende jeder PhaseInitialisierung, Konzept, Umsetzung
SzenarienZusammenstellung der Methodenelemente für die Lösungsentstehung einer bestimmten ProjektartIT-Adaption, Organisationsanpassung
ModuleWiederverwendbare Bausteine aus thematisch zusammengehörenden Aufgaben und ErgebnissenProjektsteuerung, Beschaffung, ISDS
ErgebnisseDokumente oder erreichte Zustände; sie stehen im Zentrum der MethodeDurchführungsauftrag, System aktiviert
AufgabenBeschreiben Vorgehen und Aktivitäten, mit denen Ergebnisse erarbeitet werdenRisiken managen, Änderungen managen
RollenVerantwortung, Kompetenzen und Fähigkeiten der Beteiligten, je einer Hierarchieebene zugeordnetAuftraggeber, Anwendervertreter

Der wichtigste Gedanke dahinter ist die Ergebnisorientierung. Für jedes Ergebnis gibt es eine Beschreibung, für jedes Dokument eine Vorlage, und jedem Ergebnis sind Aufgaben und Rollen zugeordnet. Wer wissen will, was in einem HERMES-Projekt wann entstehen muss, beginnt deshalb bei den Ergebnissen und nicht bei den Aktivitäten.

Welche Phasen hat HERMES 2022?

Ein HERMES-Projekt durchläuft klassisch fünf und agil drei Phasen. Initialisierung und Abschluss sind beiden Vorgehensweisen gemeinsam und werden aus Projektmanagementsicht immer klassisch abgewickelt. Dazwischen liegt die Lösungsentstehung: klassisch mit den Phasen Konzept, Realisierung und Einführung, agil mit der einzigen Phase Umsetzung.[1]

Phasenmodell klassisch und agil
PhaseKlassischAgilZweck
InitialisierungjajaAusgangslage klären, Lösungsvarianten bewerten, Vorgehen und Szenario wählen, Durchführungsauftrag erarbeiten
Konzeptja–Gewählte Variante konkretisieren: Lösungsanforderungen, Organisations- und Systemkonzept, allenfalls Beschaffung
Realisierungja–Lösung entwickeln oder parametrisieren, testen, Organisation umsetzen, Einführung vorbereiten
Einführungja–Lösung und Organisation aktivieren, Betrieb aufnehmen, Abnahme
Umsetzung–jaLösung iterativ-inkrementell entwickeln und in Releases in Betrieb nehmen
AbschlussjajaDokumentation prüfen, Übergabe an die Anwendungsorganisation, Projektschlussbeurteilung, Auflösung

Ob klassisch oder agil gearbeitet wird, entscheidet sich in der Initialisierung. Das Referenzhandbuch verlangt, dass dieser Entscheid fachlich und vorgehenstechnisch begründet wird und nicht bloss aktuellen Trends folgt.[1] Innerhalb eines Programms dürfen Projekte unterschiedlich vorgehen. Wie die einzelnen Phasen ablaufen und welche Ergebnisse sie liefern, beschreibt das Kapitel HERMES-Phasen.

Welche Meilensteine und Entscheide gibt es?

Meilensteine stehen am Anfang und am Ende jeder Phase und funktionieren als Quality Gates: Vor ihrer Erreichung wird über Ergebnisse und weiteres Vorgehen entschieden und die Übereinstimmung mit den Zielen der Stammorganisation geprüft. Bei jeder Freigabe gibt der Auftraggeber die Ressourcen für die nächste Phase frei.[1]

  1. 1Projektinitialisierungsfreigabe: Start der Initialisierung auf Basis des Projektinitialisierungsauftrags.
  2. 2Durchführungsfreigabe: Ende der Initialisierung; der Durchführungsauftrag wird unterschrieben, freigegeben durch Stammorganisation und Auftraggeber.
  3. 3Phasenfreigabe: Übergang von Konzept zu Realisierung und von Realisierung zu Einführung (nur klassisch).
  4. 4Releasefreigabe (optional): bei agilem Vorgehen, falls im Projektmanagementplan verlangt.
  5. 5Phasenfreigabe Abschluss: Übergang in die Phase Abschluss.
  6. 6Projektabschluss: formeller Abschluss und Auflösung der Projektorganisation.

Dazu kommen modulspezifische Entscheide wie Weiteres Vorgehen, Lösungsarchitektur, ISDS-Konzept, Vorabnahme, Abnahme und Betriebsaufnahme sowie bei Beschaffungen Ausschreibung und Zuschlag. Jede Entscheidungsaufgabe endet mit einem Meilenstein, der in der Liste der Projektentscheide festgehalten wird. Details und Entscheidungsebenen stehen im Kapitel Meilensteine und Entscheide.

Szenarien und Module: HERMES passend zuschneiden

Ein Szenario ist die vorbereitete Zusammenstellung aller Methodenelemente, die eine bestimmte Projektart für die Lösungsentstehung braucht. Es umfasst nur die Phasen zwischen Initialisierung und Abschluss und wird in der Initialisierung gewählt, sobald die Lösungsvariante feststeht.[1]

Die fünf Standardszenarien
SzenarioWofürTypischer Anwendungsfall
Dienstleistung/Produkt EntwicklungEine Dienstleistung oder ein Produkt wird entwickelt und bereitgestelltLehrgang, interner Standard, Aufbau eines Lieferdienstes
Dienstleistung/Produkt AdaptionEin marktverfügbares Produkt oder eine Dienstleistung wird beschafft, angepasst und integriertEingekaufte Dienstleistung einführen
IT-EntwicklungEine neue IT-Lösung wird entwickelt oder eine bestehende weiterentwickelt und integriertFachanwendung für mehrere Ämter
IT-AdaptionEine marktverfügbare IT-Lösung wird beschafft, angepasst und integriertEinführung einer Standardsoftware
OrganisationsanpassungOrganisationen werden aufgebaut, umgebaut, fusioniert oder ausgelagertFusion zweier Bereiche, Umzug, Outsourcing

Szenarien bestehen aus Modulen. HERMES bietet zwölf Standardmodule an, von Projektsteuerung und Projektführung über Organisation, Produkt und IT-System bis zu Tests, IT-Migration, IT-Betrieb und Informationssicherheit und Datenschutz (ISDS). Vier davon sind in jedem Projekt Pflicht: Projektsteuerung, Projektführung, Projektgrundlagen und Einführungsorganisation.[1] Eine Übersicht aller Module mit ihren Ergebnissen bietet das Kapitel HERMES-Module.

Der volle Umfang von HERMES ist für grosse, komplexe Projekte ausgelegt. Für mittlere und kleine Vorhaben bietet HERMES Online deshalb zwei Funktionen: Das Sizing ermittelt aus mehreren Parametern die tatsächliche Projektwertigkeit und reduziert Vorgehen und Dokumentation auf das nötige Minimum, das Tailoring passt das Ergebnis weiter an — Module entfernen, Ergebnisse streichen, eigene Module ergänzen.[6] Wie man das richtige Szenario wählt, steht im Kapitel HERMES-Szenarien.

Wer macht was? Die Rollen in HERMES

HERMES unterscheidet die Stammorganisation, die Strategie, Ressourcen und Vorgaben liefert, von der zeitlich begrenzten Projektorganisation. Jede Rolle der Projektorganisation ist einer von drei Hierarchieebenen zugeordnet — Steuerung, Führung oder Ausführung — und einer oder mehreren Partnergruppen: Anwender, Ersteller und Betreiber.[3]

Drei Rollen sind in jedem Projekt zu besetzen und müssen bei den Anwendern angesiedelt sein. Der Auftraggeber steuert das Projekt und trägt die Gesamtverantwortung; er ist eine einzelne natürliche Person aus der Stammorganisation und darf nicht gleichzeitig Projektleiter sein. Der Projektleiter führt und koordiniert das Projekt. Der Anwendervertreter verantwortet die fachliche Lösungsentstehung.[3] Dazu kommen je nach Bedarf Projektausschuss, Qualitäts- und Risikomanager, Teilprojektleiter, Business Analyst, IT-Architekt und weitere Rollen. Alle 16 Standardrollen und ihre Besetzungsregeln erklärt das Kapitel HERMES-Rollen.

HERMES agil und hybrid

Bei agilem Vorgehen ist HERMES eine Projekthülle, in die eine agile Entwicklungsmethode wie eine Blackbox eingesetzt wird. Gemeint sind einfache agile Methoden wie Scrum oder Kanban und skaliert agile Methoden wie SAFe bis zur Stufe «Essential» bzw. «ART Flow».[2] HERMES schreibt die Begriffe innerhalb der Entwicklung nicht vor; festgelegt sind nur die Schnittstellen zur Projektsteuerung und die Ergebnisse, die das Projektmanagement braucht.

Daraus folgen klare Spielregeln. Der Projektleiter führt das Projekt, greift aber nicht in die Selbstorganisation der agilen Umsetzungsorganisation ein. Der Anwendervertreter steuert die Arbeit über die Lösungsanforderungen und ist Ansprechpartner des Projektleiters — er übernimmt die Rolle, die in Scrum der Product Owner hat. Die Lösungsanforderungen entstehen in der Phase Umsetzung als initiales Product Backlog, ein Änderungsantrag wird nur nötig, wenn Ziele, Budget oder Zeitrahmen des Gesamtvorhabens betroffen sind.[1]

Zwischen den reinen Formen gibt es hybride Varianten. Die Bundeskanzlei hat bei der Einführung von HERMES 2022 etwa Kombinationen gezeigt, in denen ein klassisch erarbeitetes Konzept in eine agile Umsetzung übergeht.[8] Für Entscheidungen darüber gilt dieselbe Regel wie für die Grundsatzwahl: Das Vorgehen folgt den Projektprämissen und der gewählten Lösungsvariante. Entscheidungshilfe, Rollen und Releaseplanung nach dem Agilen Leitfaden beschreibt das Kapitel HERMES agil.

Welche Dokumente verlangt HERMES?

HERMES kennt zwei Arten von Ergebnissen: Dokumente, die möglichst auf Basis einer Vorlage erstellt werden, und Zustände, die erreicht werden — etwa «System aktiviert» oder ein Meilenstein. Für die Projekt-Governance definiert HERMES minimal geforderte Dokumente. Sie sind verbindlich, entfallen aber, wenn das betreffende Modul im Projekt nicht vorkommt, und die Stammorganisation kann sie an ihre Governance anpassen.[1]

Für alle Dokumente stellt HERMES Online offizielle Vorlagen bereit; sie dürfen an die Organisation angepasst oder durch toolgestützte Lösungen ersetzt werden.[1] Welches Ergebnis in welcher Phase entsteht, zeigt das Kapitel HERMES-Ergebnisse.

HERMES im Vergleich mit PRINCE2 und Scrum

HERMES, PRINCE2 und Scrum beantworten unterschiedliche Fragen und schliessen sich nicht aus. HERMES und PRINCE2 sind Projektmanagementmethoden mit Rollen-, Phasen- und Steuerungsmodell; Scrum ist ein Rahmenwerk für agile Produktentwicklung ohne eigenes Projektmanagement. In HERMES 2022 kann Scrum deshalb direkt in der Phase Umsetzung eingebettet werden.

HERMES 2022, PRINCE2 und Scrum im Überblick
KriteriumHERMES 2022PRINCE2Scrum
ArtProjektmanagementmethode, ergebnisorientiertProjektmanagementmethode, prinzipienbasiertRahmenwerk für agile Produktentwicklung
StrukturKlassisch 5, agil 3 Phasen mit festen MeilensteinenManagementphasen, projektindividuell festgelegtSprints, keine Projektphasen
Verhältnis zu AgilitätBettet agile Methoden als Blackbox einAgile Ergänzung verfügbarSelbst agil
ZugangOffener Standard, frei verfügbarKommerzielles Handbuch und ZertifizierungsschemaFrei verfügbarer Scrum Guide
Typisches UmfeldSchweizer Verwaltung und ihre LieferantenInternational, GrossorganisationenProdukt- und Softwareteams

Für Projekte mit Bund, Kantonen oder Gemeinden ist HERMES meist gesetzt. Wer international arbeitet, begegnet häufiger PRINCE2; wer ein Produktteam führt, arbeitet mit Scrum. Die drei lassen sich kombinieren, solange klar ist, welche Methode die Projektsteuerung und welche die Entwicklung regelt.

HERMES in der Praxis: sechs Schritte für den Start

Die Methode entfaltet ihren Nutzen erst, wenn sie auf das Vorhaben zugeschnitten ist. Diese Reihenfolge hat sich als Startpunkt bewährt und deckt die Anforderungen der HERMES-Governance ab:

  1. 1Szenario wählen und auf HERMES Online das Sizing durchführen; das Ergebnis liefert Durchführungsstrukturplan und Vorlagen in passender Grösse.[6]
  2. 2Die drei Pflichtrollen besetzen und Interessenkonflikte prüfen: Auftraggeber und Projektleiter sind verschiedene Personen, Projektleitung und Anwendervertretung stehen auf Anwenderseite.
  3. 3Klären, welche Vorgaben und Vorlagen die Stammorganisation verlangt; Kantone und Bundesämter haben oft eigene Leitfäden.
  4. 4Im Projektmanagementplan festhalten, wer welche Entscheide trifft, und bei agilem Vorgehen, ob die Releasefreigabe verlangt ist.
  5. 5Rhythmus und Inhalt des Reportings mit der Stammorganisation abstimmen, bevor der erste Statusbericht fällig ist.
  6. 6Projekterfahrungen laufend erfassen statt erst in der Phase Abschluss.

Was die Finanzkontrolle von HERMES-Projekten erwartet

Das Referenzhandbuch enthält ein bemerkenswertes Vorwort der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK). Sie hält fest, dass die konsequente Anwendung einer Methode kein Garant für Projekterfolg ist, und nennt die Punkte, auf die sie bei Prüfungen in der Bundesverwaltung achtet.[1] Daraus lassen sich die häufigsten Schwachstellen ableiten:

  • Die Methode wird abgearbeitet, der erwartete Geschäftsnutzen steht aber nicht im Zentrum der Steuerung und der Berichterstattung.
  • Architektur-, IKS- und Sicherheitsverantwortliche werden zu spät einbezogen, ihre Anforderungen fehlen in der Lösung.
  • Der Anwendervertreter hat nicht das nötige Fachwissen oder keine Entscheidungsbefugnisse.
  • Das Projekt startet ohne ausgereiftes Qualitäts- und Risikomanagement.
  • Schlüsselressourcen werden nicht rechtzeitig gesichert, Verantwortlichkeiten bleiben unklar.

Die EFK betont ausserdem den Kulturwandel: Fehler zulassen, mit Unsicherheit umgehen und Lösungen gemeinsam mit den Nutzenden entwickeln — gerade bei agiler Umsetzung. Für Projektleitende ist diese Liste eine gute Selbstprüfung vor jeder Phasenfreigabe.

Die wichtigsten HERMES-Begriffe

HERMES verwendet eine eigene, präzise Terminologie. Sie sorgt dafür, dass Stammorganisation, Projekt, Programm und Portfolio dieselbe Sprache sprechen — und sie ist der häufigste Stolperstein für alle, die neu in ein HERMES-Projekt kommen.[2]

Zentrale Begriffe aus dem Referenzhandbuch
BegriffBedeutung
StammorganisationOrganisation des Auftraggebers, in der das Projekt angesiedelt ist und die Lösung genutzt wird; liefert Strategie, Vorgaben und Ressourcen
ProjektorganisationEinmalige, temporäre Organisation; entsteht mit dem Projektinitialisierungsauftrag und endet spätestens mit dem Entscheid Projektabschluss
AnwendungsorganisationEbenfalls temporäre, system- oder produktspezifische Organisation, die die Lösung nach dem Projekt bis zum Ende ihres Lebenszyklus betreut
UmsetzungsorganisationRollengruppe aller Ausführungsrollen bei agilem Vorgehen; nur während der Phase Umsetzung Teil der Projektorganisation
RealisierungseinheitAbschnitt eines lange dauernden, klassisch geführten Projekts, das statt als Programm in Etappen realisiert wird
ProjektwertigkeitAus mehreren Parametern ermittelte Grösse des Vorhabens; Grundlage des Sizings auf HERMES Online
Minimal geforderte DokumenteErgebnisse, die für die Projekt-Governance verbindlich sind, solange ihr Modul im Projekt vorkommt

Wer diese Begriffe sauber verwendet, vermeidet typische Missverständnisse — etwa, dass mit dem Projektende auch die Verantwortung für die Lösung endet. Tatsächlich übergibt die Phase Abschluss die Lösung an die Anwendungsorganisation.[1] Informationen zur Weiterentwicklung der Methode, Newsletter und ein Kanal für Änderungsvorschläge bietet die Bundeskanzlei auf ihrer HERMES-Seite.[13]

HERMES-Projekte mit Flenio führen

Flenio ersetzt HERMES Online nicht: Sizing, Tailoring und die offiziellen Vorlagen bleiben dort. Flenio übernimmt den Projektalltag. Beim Einrichten lässt sich ein Beispielprojekt nach HERMES 2022 anlegen — die fünf klassischen Phasen mit ihren Quality Gates in der Timeline, die Meilensteine und Abhängigkeiten abbildet —, und die Vorlagen-Bibliothek enthält 27 aufbereitete HERMES-Vorlagen für die Ergebnisse von Projektsteuerung und Projektführung, darunter Projektinitialisierungsauftrag und Projektmanagementplan kostenlos.

Wer die Methode systematisch lernen will, findet in der PM-Akademie den Kurs HERMES 2022 – Grundlagen mit Lektionen zu Phasen, Szenarien, Modulen, Rollen und Ergebnissen. Der Kurs ist eine vertiefende Weiterbildung und keine offizielle HERMES-Zertifizierung.

Die Kapitel dieses Leitfadens

Alle Kapitel des Leitfadens

14 vertiefende Kapitel

  1. Kapitel 1PhasenDie HERMES-2022-Phasen im Detail: Initialisierung, Konzept, Realisierung, Einführung, Umsetzung und Abschluss — mit Aufgaben, Ergebnissen und Meilensteinen.
  2. Kapitel 2SzenarienDie fünf Standardszenarien von HERMES 2022 erklärt — welche Module sie enthalten, wie du das richtige wählst und wie Sizing und Tailoring funktionieren.
  3. Kapitel 3ModuleAlle zwölf Standardmodule von HERMES 2022 mit Zweck, Einsatzphasen und wichtigsten Ergebnissen — inklusive der vier Pflichtmodule und eigener Module.
  4. Kapitel 4RollenDas HERMES-2022-Rollenmodell: drei Pflichtrollen, 16 Standardrollen auf drei Ebenen, Partnergruppen und Regeln für eine konfliktfreie Besetzung.
  5. Kapitel 5ErgebnisseWelche Ergebnisse HERMES 2022 verlangt: Dokumente und Zustände je Phase, minimal geforderte Dokumente, Inhalte der Schlüsseldokumente und agile Regeln.
  6. Kapitel 6Meilensteine und EntscheideAlle Meilensteine von HERMES 2022: Initialisierungs-, Durchführungs-, Phasen- und Releasefreigabe, Projektabschluss und modulspezifische Entscheide.
  7. Kapitel 7HERMES agilWie HERMES 2022 agile Methoden einbettet: Entscheidungshilfe klassisch oder agil, Rollen, Releaseplan, Reporting und Ergebnisse nach dem Agilen Leitfaden.
  8. Kapitel 8Sizing und TailoringHERMES schlank anwenden: wie Sizing und Tailoring funktionieren, was nie wegfallen darf, wie eine minimale Projektorganisation aussieht.
  9. Kapitel 9ZertifizierungHERMES-Zertifizierung erklärt: Stufen Foundation und Advanced, Prüfungsformat, Gültigkeit, Rezertifizierung, Kosten, Lift-Kurse und ein Vorbereitungsplan.
  10. Kapitel 10HERMES vs. PRINCE2HERMES 2022 und PRINCE2 7 im Vergleich: Struktur, Prinzipien, Rollen, Agilität, Zugang und Zertifizierung — mit Rollen-Mapping und Entscheidungshilfe.
  11. Kapitel 11BeschaffungWie HERMES 2022 Beschaffungen abbildet: Beschaffungsanalyse, Modul Beschaffung, Ausschreibungsunterlagen, Evaluationsbericht, Ausschreibung und Zuschlag.
  12. Kapitel 12Kantone und GemeindenWie Kantone und Gemeinden HERMES 2022 einsetzen: kantonale Leitfäden, eigene Vorlagen und Szenarien, vereinfachte Varianten und Folgen für Lieferanten.
  13. Kapitel 13Qualität und RisikoQualitäts- und Risikomanagement in HERMES 2022: Rolle des Qualitäts- und Risikomanagers, QS- und Risikobericht, Risiken je Phase und Praxisanleitung.
  14. Kapitel 14Lieferanten und BeraterWas Lieferanten und Beratende in HERMES-Projekten wissen müssen: Partnergruppen, zulässige Rollen, Angebot, Vereinbarung, Abnahme und agile Zusammenarbeit.

Häufige Fragen

Ist HERMES kostenlos?

Ja. HERMES ist ein offener Standard der Bundesverwaltung. Referenzhandbuch, Ergebnisbeschreibungen und Dokumentvorlagen stehen auf HERMES Online frei zur Verfügung, ebenso die Funktionen für Sizing und Tailoring. Kosten entstehen nur für Kurse und Zertifizierungen bei den Bildungsanbietern oder für Werkzeuge, mit denen ein Team die Projekte im Alltag führt.

Ist HERMES Pflicht?

In der Bundesverwaltung ist HERMES die Standardmethode für Projekte. Welche Vorgaben im Einzelfall verbindlich sind, legt die Stammorganisation fest. Viele Kantone und Städte nutzen HERMES direkt oder eigene Leitfäden, die auf HERMES 2022 aufbauen.

Was ist der Unterschied zwischen HERMES 5.1 und HERMES 2022?

HERMES 2022 trennt Projektmanagement und Entwicklungsmanagement. Dadurch können Projekte klassisch, agil oder hybrid umgesetzt werden: agil mit der Phase Umsetzung, in die Scrum, Kanban oder SAFe eingebettet werden. Szenarien beschreiben nur noch die Lösungsentstehung zwischen Initialisierung und Abschluss.

Wie viele Phasen hat HERMES?

Klassisch fünf: Initialisierung, Konzept, Realisierung, Einführung und Abschluss. Agil drei: Initialisierung, Umsetzung und Abschluss. Initialisierung und Abschluss sind in beiden Vorgehensweisen identisch und werden aus Projektmanagementsicht klassisch geführt; der Unterschied liegt nur in der Lösungsentstehung dazwischen.

Kann man HERMES agil anwenden?

Ja. Seit der Ausgabe 2022 wird eine agile Methode wie Scrum, Kanban oder SAFe bis zur Stufe Essential als Blackbox in der Phase Umsetzung eingebettet. HERMES regelt dabei nur Steuerung, Führung, Reporting und die nötigen Ergebnisse.

Gibt es eine HERMES-Zertifizierung?

Ja, mit den Stufen Foundation und Advanced; die Prüfungen nimmt TÜV SÜD ab. Bildungsanbieter bieten Vorbereitungskurse sowie Lift-Kurse für Personen an, die bereits nach HERMES 5 zertifiziert sind. Die Lernziele veröffentlicht die Bundeskanzlei.[11][12]

Quellen

  1. [1]HERMES Referenzhandbuch Projektmanagement, Ausgabe 2022 (3. Auflage, 31.12.2025) — Bundeskanzlei BK, Digitale Transformation und IKT-Lenkung (DTI). Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  2. [2]HERMES Online: Methodenüberblick Projektmanagement — Bundeskanzlei BK. Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  3. [3]HERMES Online: Rollen (Rollenmodell, Standardrollen, Rollenbesetzung) — Bundeskanzlei BK. Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  4. [4]eCH-0054 HERMES Projektmanagement-Methode — Verein eCH. Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  5. [5]HERMES Forum 2025: 50 Jahre HERMES – Rückblick und Ausblick (Präsentation M. Schwaar) — Bundeskanzlei BK, DTI. Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  6. [6]Anleitung Sizing und Tailoring HERMES 2022 — Bundeskanzlei BK (HERMES Online). Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  7. [7]HERMES Online: Anleitung benutzerdefinierte Szenarien — Bundeskanzlei BK (HERMES Online). Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  8. [8]HERMES, Ausgabe 2022 – Präsentation an der BFH HERMES-Tagung (A. Bürki, 15.06.2022) — Bundeskanzlei BK / Berner Fachhochschule. Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  9. [9]IT-Projektleitfaden Kanton Basel-Stadt V3.0 (Januar 2024), basierend auf HERMES 2022 — Finanzdepartement des Kantons Basel-Stadt. Abgerufen am 23. Oktober 2026
  10. [10]Leitfaden Projektmanagement V4.0, basierend auf HERMES 2022 — Kanton Solothurn. Abgerufen am 23. Oktober 2026
  11. [11]HERMES Ausgabe 2022: Lernziele Foundation — Bundeskanzlei BK. Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle
  12. [12]Weiterbildung HERMES Ausgabe 2022 (Foundation, Advanced, Lift) — ZHAW School of Management and Law. Abgerufen am 23. Oktober 2026
  13. [13]HERMES-Projektmanagementmethode (Informationsseite) — Bundeskanzlei BK. Abgerufen am 23. Oktober 2026 · Primärquelle

Änderungen an diesem Artikel

  • 23. Oktober 2026: Erstveröffentlichung, geprüft gegen das HERMES-Referenzhandbuch (Ausgabe 2022, 3. Auflage).
  • 23. Oktober 2026: Acht weitere Kapitel ergänzt (SEO-19): agil, Tailoring, Zertifizierung, PRINCE2, Beschaffung, Kantone, Qualität und Risiko, Lieferanten.

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